Juni 2018 Zeitschrift Info3

Das gepanzerte Ich

Das gepanzerte Ich. © Luxuz, Photocase.de - Info3 Verlag 2018
Das gepanzerte Ich. © Luxuz, Photocase.de - Info3 Verlag 2018

Moderne Musik lässt die Zuhörenden oft ratlos zurück. Ein neues Buch erklärt jetzt die Zusammenhänge der historischen Brüche im 20. Jahrhundert mit einer scheinbar gefühllosen Kunst.

Wie oft schon saß ich in Konzerten der sogenannten Neuen Musik und konnte keinen emotionalen Zugang zum Gehörten finden. Die Musik brachte in mir nichts (oder nur sehr wenig) zum Erklingen. Zwar wurden die Stücke von den Feuilletons als avantgardistisch gefeiert, doch neben der Fülle intellektueller Interpretationen blieb es besonders auf der persönlichen Empfindungsebene bedrohlich still. Stattdessen begegneten mir kühle, gebrochene Klänge, die sehr konstruiert wirkten, wie eingefroren, als wäre jegliche Gefühlsregung mit voller Absicht hinter einem Schutzzaun aus Stacheldraht zurückgedrängt.

So stand ich etwas hilflos in dem bedrückend leeren Klangraum. Leer nicht an Klängen, aber an Wärme und Beziehungen. Irritiert fragte ich mich, ob ich einfach keine Ahnung von Musik hatte oder ob sich mir doch in dem schmerzlich-Fehlenden etwas Wichtiges zeigte, dem es nachzuspüren galt. Als musikalischer Laie trieb mich dieser Konflikt lange um, ohne, dass ich ihn in die passenden Worte hätte kleiden können.

Wer diese und ähnliche Gefühle aus eigener Erfahrung kennt, dem sei wärmstens das ermutigende Buch Die Heilung des verlorenen Ichs von Wolfgang-Andreas Schultz ans Herz gelegt. Wie eine Antwort auf meine Fragen empfand ich Sätze wie: „die persönliche Gegenwartserfahrung eines jeden Einzelnen“ darf „nicht aus dem Blick verschwinden (…), auch wenn sie durch eine scheinbar objektive, weil institutionalisierte überlagert oder verdrängt wurde.“ Es geht darum der Wahrnehmung des eigenen Empfindens zu vertrauen und sich nicht einer öffentlich geltenden Definitionsmacht zu unterwerfen, nur weil etwas in der Fachwelt als angesagt gilt.

Schultz, der Professor für Musiktheorie und Komposition ist, beleuchtet auf sehr eindringliche und leicht verständliche Weise, wie es zu dem befremdlichen Bruch im modernen Kunst- und Musikbetrieb kommen konnte. Was bewirkte die tiefe Spaltung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Ich und Du, zwischen Rezipient und Kunstwerk? Und wieso bemüht sich die postmoderne Ästhetik händeringend darum bloß nicht als romantisch, spirituell oder subjektiv zu gelten? Was wäre denn so schlimm daran, wenn das Empfindungsvolle und Seelenhafte in der Kunst (aber auch im Leben) wieder einen größeren Ausdrucksraum geschenkt bekäme?

Es ist eine Stärke des Buches, dass es offenstehend viele Fragen stellt und sie, ganz ohne belehrend zu wirken, aus unterschiedlichen Perspektiven umkreist. Doch natürlich hält Schultz auch sorgsam tastend nach möglichen Antworten Ausschau. So arbeitet er umfänglich heraus, wie „die Entfremdung vom Anderen, von der Natur und von der spirituellen Welt“ das 20. Jahrhundert wie einen roten Faden durchzieht und das menschliche Ich immer tiefer in eine von der Umwelt abgetrennte Isolation treibt.

Doch auch „für die Künste beginnt die sich abzeichnende Verlagerung des ästhetischen Ausgangspunktes hin zum (…) gepanzerten Ich, eine Bedrohung zu werden“. Letztlich bedeutet die „Trennung von den Gefühlen, vom Körper und vom Unbewussten (…) eine Trennung von den Quellen der Kreativität“. An dieser versiegenden Quelle wird zugleich deutlich, welch gewichtige Rolle die Traumatisierungen durch die beiden Weltkriege bei den einseitigen Ästhetisierungsversuchen spielen und wie Leid und Schmerz hinter einer kontrollierten, persönlich unverfänglichen Fassade gebannt werden sollen.

Schultz sucht Heilung in der Schaffung einer „Kultur der Verbundenheit“, in der das Ich wieder in eine Beziehung mit all dem Abgespaltenen tritt. Er plädiert für eine „integrale Kunst“, bei der „frühere, bislang ausgegrenzte Ausdrucksformen“ einbezogen werden. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem verdrängten Eigenen der europäischen Geistesgeschichte zu, einer Entwicklungslinie, die im Untergrund ein abseitiges Schattendasein fristet, obwohl sie Kräfte in sich birgt, die bei der Heilung des Bruchs helfen könnten: „Wenn man alles einbezieht, was in Europa scheinbar am Rande liegt, von den antiken Mysterien über die christliche Mystik, vom „Kosmotheismus“ des 18. Jahrhunderts bis zur Naturphilosophie der Romantik, wird man feststellen, dass Europa über alle nötigen Ressourcen zur Selbstkorrektur verfügt.“

So bleibt nur mit Schultz zu hoffen, dass die dringende Notwendigkeit des integrativen Wandels – durchaus auch unter Einbezug der außereuropäischen Traditionen – von immer mehr Einzelnen erkannt und befeuert wird.

Über den Autor / die Autorin

Martin Spura

Martin Spura

Martin Spura ist Kulturphilosoph und freier Schriftsteller. Von ihm erschien das Buch: Das verweigerte Opfer des Prometheus. Der Ariadnefaden der abendländischen Geistesentwicklung. Verlag Königshausen und Neumann, 498 Seiten, € 49,80