Fragen an die Waldorfschule: Es geht um Entwicklung

Das individuelle Kind im Blick: Waldorflehrerinnen Dr. Stefanie Benke und Anne Peters. Foto: Ronald Richter/Info3

Was macht eine Waldorfschule aus? Was unterscheidet sie von staatlichen Schulen? Zwei Lehrerinnen der inklusiven Leipziger Karl-Schubert-Schule geben Auskunft.

Wie unterscheidet sich die Waldorfschule von der staatlichen Schule?

Anne Peters: Zunächst dadurch, dass sie gewissermaßen eine Gesamtschule ist. Es gibt kein gegliedertes Schulsystem, keine Grund- und Mittelschule, kein Gymnasium, sondern alle Schüler gehen von der ersten bis zur zwölften beziehungsweise 13. Klasse zusammen in eine Klasse. Es gibt keine Noten und kein Sitzenbleiben. Die Beziehung, die sich in den ersten acht Jahren mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer aufbaut, verstehen wir als grundlegend für die Schüler in dieser Wachstumsphase.

Stefanie Benke: Es geht bei uns nicht ums Leistungsprinzip, sondern um die Entwicklung des individuellen Menschen. Jeder soll zu seinen Fähigkeiten gebracht werden – egal ob nun eher kognitiv oder handwerklich veranlagt. Jeder soll sich ganzheitlich entwickeln können – und dann die Gesellschaft, in die sie oder er kommt, mitentwickeln nach den Impulsen der eigenen Individualität.

Die Waldorfschule kostet Schulgeld und die Eltern sind dazu angehalten, in der Schule mitzuhelfen?

SB: Der Schulbesuch bei uns ist nicht nur für Besserverdienende erschwinglich. Für einkommensschwache Familien ist ein Sozialfonds eingerichtet, bei dem eine Familie Mittel beantragen kann. Die Eltern können sich in vielen Kreisen engagieren: im Festkreis, in der Öffentlichkeitsarbeit oder im Schulparlament, das geschaffen wurde, um Eltern am Schulgeschehen entscheidend zu beteiligen. Auch bei Baueinsätzen sind wir auf sie angewiesen.

Was die Waldorfschule aber wirklich ausmacht, ist ihr Menschenbild: Unsere Überzeugung, mit dem Kind ein Wesen vor uns zu haben, das aus dem Geistigen kommt und sich nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten entwickelt.

Schon sind wir bei Rudolf Steiner. Was hat der damit zu tun?

SB: Steiner hat 1919 die Vortragsreihe der Allgemeinen Menschenkunde vor dem Gründungskollegium gehalten – mit konkreten methodisch-didaktischen Hinweisen und Seminarbesprechungen für die künftigen Waldorflehrer, die ja alle möglichen beruflichen Hintergründe hatten. Das war die geistige Begründung der Waldorfschule. Und die jährt sich jetzt zum hundertsten Mal. Darin spricht Steiner den Zeitgeist als ein konkretes geistiges Wesen an, das die Waldorfschule inspirieren möge. Um solche Inspirationen geht es auch in unserer Zeit. Die Menschenkunde berührt Dinge, die wir anfangs nicht ganz verstehen. Aber wenn wir daran arbeiten, bilden wir unser Erkenntnisvermögen aus und das hilft, ganz anders schöpferisch zu erziehen.

Was sind  die pädagogischen Prinzipien?

SB: Ganz wichtig ist zum Beispiel das Verhältnis von Wille, Gefühl und Vorstellungsleben. Beispielsweise, wie der Gliedmaßengeist den Kopfgeist aufwecken muss. Das bedeutet, dass man im frühen Alter nicht an die Kinder mit rein kognitiven Inhalten herantritt, sondern tätig mit dem Stoff umgeht, bis sich durchlebte Begriffe bilden.

Wie ist der Stellenwert der Märchen und Geschichten in den ersten Klassen?

SB: Die Märchen enthalten in ihren Urbildern Entwicklungsgesetze der Seele. Indem wir in der ersten Klasse die Märchen erzählen, regen wir die innere Bilderschicht in den Kindern an. Wir gehen davon aus, dass die Kinder etwas darin wiederfinden, was sie aus ihrem geistigen Ursprung heraus schon kennen. Das wirkt bildend auf sie. Wenn wir Kindern Geschichten erzählen, ist es erstaunlich zu erleben, wie still sie werden, selbst unruhige Klassen. Sie leben dann in diesem Sprachstrom und der Bilderwelt, egal ob es Märchen, Heiligenlegenden, Fabeln, Geschichten aus dem Alten Testament oder der germanischen und griechischen Mythologie sind.

AP: Es wirken auch nicht nur die Inhalte. Die Wissensvermittlung geschieht direkt durch das Wort des Lehrers an das Kind. Im Wesentlichen setzen wir da keine Bücher ein. Selbst wenn in einer neunten Klasse der Lehrer die Geschichte der Teaparty lebendig erzählt, wird es ruhig.

Welche künstlerischen Betätigungen gibt es an der Waldorfschule?

AP: Handarbeiten, Werken, mit Wasserfarben malen, Plastizieren, Korbflechten, Schmieden – alles Mögliche. Das künstlerische Handwerk ist bei uns zentral.

Und Eurythmie? Da tanzen wir unsere Namen?

AP: Mindestens! Das sollten die meisten schon in der vierten Klasse können.

SB: Du bewegst in der Eurythmie bestimmte Laute durch Gebärden, die gesetzmäßig mit diesen Lauten verbunden sind. Den Namen zu tanzen ist ja eher einfach. In der Toneurythmie läuft man auf bestimmte Stücke bestimmte Formen.

AP: Eurythmie ist ein hochkomplexes Fach für die Körper-Geist-Koordination. Sie bildet das Rhythmusgefühl, die Verbindung von Wort, Laut und Klang aus. Auch die Koordination im Raum wird so trainiert. In welcher Schule sonst gibt es in einem Fach immer Live-Musik? In der Eurythmie wird kein Band abgespielt. Da begleitet immer eine Pianistin oder ein Pianist den Eurythmieunterricht.

Ein paar Worte zum Epochenunterricht. Was bedeutet das?

AP: Im Epochenunterricht wird von der ersten bis zur zwölften Klasse das behandelt, was an der Staatsschule zu den Hauptfächern gehört: Deutsch, Mathematik, Geschichte, Erdkunde, alle Naturwissenschaften, Informatik, Politik. In einem drei- bis vierwöchigen Rhythmus von anderthalb Stunden jeden Tag erteilt derselbe Lehrer oder dieselbe Lehrerin diesen Unterricht. Durch dieses intensive Eintauchen fühlen sich die Schüler beheimatet im jeweiligen Fach, das im Stundenplan nicht in Einzelstunden aufgesplittert ist.

Und wie sieht es mit dem digitalen Klassenzimmer aus?

SB: Wir vermeiden es bei den jüngeren Schülern, weil wir davon ausgehen, dass es auch noch später zu erlernen ist. Außerdem entfremdet früher Medienkonsum die Kinder von der Sinneswelt; wo es heute gerade wichtig ist, wieder neu in Bezug zu ihr zu treten.

AP: Das pfeifen die Spatzen ja mittlerweile von den Dächern, wie kontraproduktiv der Umgang mit Medien im frühen Kindesalter ist, dass das entwicklungshemmend, vereinsamend ist und physisch krank macht. Das Suchtpotenzial ist extrem hoch. Unser Leitsatz, auch wenn wir mit Eltern sprechen: Je später wir die Kinder mit diesen süchtig machenden Substanzen in Berührung kommen lassen, desto eher können wir darauf hoffen, dass Sucht bei einem reiferen Bewusstsein nicht entsteht. Die digitalen Geräte sind natürlich in unserer Realität. Ohne Handy kommt auch bei uns kein Kollege mehr aus.

Und die Schüler?

AP: Handys sind auf dem Schulgelände ausgeschaltet, sonst werden sie eingezogen. Natürlich besitzen fast alle Schüler ein Smartphone. Die Frage ist, wie wir das in der Oberstufe sinnvoll nutzen können, die Enzyklopädien etwa, die wir mit uns herumschleppen. Sich diese zum Diener machen und nicht der Diener der medialen Welt werden.

Wie wird auf die Berufswelt vorbereitet?

AP: Ein grundlegendes Element der Waldorfpädagogik sind Praktika in der Oberstufe ab der neunten Klasse in unterschiedlichen Lebensbereichen so um die drei bis vier Wochen; einerseits in der Gruppe, ein Forstpraktikum in der neunten Klasse, andererseits individuelle Praktika im Handwerk, in Betrieben, in der Industrie und im sozialen Bereich. Diesen praktischen Ansatz in der Waldorfschule bis in die Oberstufe weiterzuführen, ist nicht leicht. Aber da liegt für mich in der Waldorfschule ein enormer qualitativer Reiz. Und soviel ich weiß, springen hier wieder herkömmliche Schulen auf – wenigstens im Bereich Sozialpraktikum. Weil man feststellt, es reicht nicht, die Schüler mit abiturrelevantem Wissen vollzutrichtern, sondern muss sie auch aufs Arbeitsleben vorbereiten. ///

Dieser Text erschien in der Schwerpunktausgabe 100 Jahre Waldorfschule der Zeitschrift info3. Einzelheft hier bestellen. 

Zur Webseite der Karl Schubert Schule in Leipzig

 

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Über den Autor / die Autorin

Ronald Richter

Ronald Richter

Ronald Richter ist ständiger Mitarbeiter von Info3, freier Autor und betreibt von Berlin aus Kult.Radio Anthroposophie on air, www. kultradio.eu