Schritte zum Verantwortungseigentum

Mit-Initiator Armin Steuernagel in Berlin. Foto: © Ronald Richter, Info3 Verlag
Mit-Initiator Armin Steuernagel in Berlin. Foto: © Ronald Richter, Info3 Verlag

Auf der Suche nach mehr sozialer Gerechtigkeit bildet immer noch die Frage des Eigentums an Unternehmen einen der Knackpunkte. Ende Oktober widmete sich eine groß angelegte Konferenz in Berlin dieser Frage – mit erstaunlich konkreten Ansätzen.

100 Jahre ist sie nun in der Welt: die Sozialphilosophie Rudolf Steiners. Kurz nach dem Ende des 1. Weltkriegs verbreitete Steiner sein Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ und schaltete sich in die gesellschaftliche Neugestaltung in Deutschland ein. Einer dieser Kernpunkte betrifft das Eigentum an Produktionsmitteln. Steiner fragte, „wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann, dass es in der besten Weise der Gesamtheit dient.“ Seine Idee war, dass Eigentum immer nur auf Zeit vergeben wird – solange ein Unternehmer sich um ein Projekt kümmert und Ideen hat. Dieser Ansatz ist gerade heute hoch aktuell: Unternehmer haben die volle Verantwortung, niemand redet ihnen rein, aber ein Unternehmen soll kein Privatbesitz sein, der nach Belieben verkauft werden kann – es gehört vielmehr: sich selbst. Verantwortungseigentum ist der Terminus für das, was heute ansteht. Ein Unternehmen kann nicht wie eine Ware gehandelt werden, kein Eigentümer kann Gewinn aus ihm ziehen, es ist nicht an Nachkommen vererbbar. Einige der Vorteile dieses Ansatzes: Unternehmen werden so nicht mehr zu Spielbällen der Finanzwirtschaft, die Frage der Motivation stellt sich neu, Nachfolgeprobleme können einfacher gelöst werden.

Darum ging’s in der Eigentumskonferenz in Berlin Ende Oktober. Moderiert wurden die zwei Tage von der Journalistin Anja Müller vom Handelsblatt und Armin Steuernagel von der Purpose Stiftung, dem Initiator der Eigentumsinitiative. Ausgetragen wurden sie am Pariser Platz, gleich gegenüber vom Brandenburger Tor im Allianz Forum, einer todschicken Location für Non-Profit Organisationen in der mittesten Mitte Berlins.

Projiziert wurde der Steiner-Spruch über das Eigentum während einer der Workshops, bei denen UnternehmerInnen, GeschäftsführerInnen, MitarbeiterInnen ihre Unternehmensmodelle im Blick auf das Tagungsthema vorstellten. Hier waren es die Vertreter von Alnatura und Sonett, Götz Rehn und Beate Oberdörfer und Gerhard Haid, die über neue Eigentumsformen referierten. Diese Begegnungen gehörten zu den Tupfern der Veranstaltung neben Vorstellungsrunden und jeder Menge Gespräche, deren Zentrum im bestuhlten Atrium lag, wo Start-Ups sich auf Augenhöhe neben alteingesessenen Unternehmen präsentierten, sowie Banker (Thomas Jorberg), Investoren (Albert Wenger), Wissenschaftler (Colin Mayer) und die Gründer verschiedenster Initiativen, angefangen bei den Grünen mit Gerald Häfner, der inzwischen das Goetheanum vertritt. Häfner definierte in seinem Vortrag Unternehmen als Menschen-Ideen-Zusammenhang. Wie schön Privatwirtschaft klingt, wenn der dunkle Vorhang der Gewinnmaximierung weggezogen werden kann. Die vielen Besucher aus dem In- und Ausland zeigten, wie wichtig eine solche Eigentumsinitiative ist. Schon ist die Gründung eines Verbands für sich selbst gehörende Unternehmen in Sicht.

Wie es sich für diesen Ort geziemt, gibt es auch einen Stargast. Der oder besser die war unbestritten Sarah Wagenknecht. Frau Wagenknecht, ausgebildete Volkswirtin, wurde auch von Kritikern ein kenntnisreicher Vortrag übers Verantwortungseigentum attestiert. Ihre Aussage: „Wenn man von unterschiedlichen Perspektiven sich einem Thema nähert, kann man am Ende zu einer Schlussfolgerung kommen.“ Hintergrund der politischen Debatte ist ein vorliegender Gesetzentwurf, der es künftigen Neugründungen erleichtern soll, Unternehmen ohne privaten Eigentümer zu führen.

Zum Tagungsformat gehörten übrigens auch kleine Lockerungs-Einlagen für geistige und andere Muskeln durch Partnerspiele oder einen Crashkurs in Steppen, angeleitet von der Waldorfschülerin Emelie Steinmetz – ohne dass irgendein Name getanzt werden musste. Emelie Steinmetz gab dann auf ihrem Cello auch noch zwei musikalische Kostproben ihres Könnens zum Besten. Sie schaffte es in stiller Konzentration, die Köpfe wieder klar zu spülen.

 

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Über den Autor / die Autorin

Ronald Richter

Ronald Richter

Ronald Richter ist ständiger Mitarbeiter von Info3, freier Autor und betreibt von Berlin aus Kult.Radio Anthroposophie on air, www. kultradio.eu