Werk ohne Autor: Zeig mir deine Wunde!

Ausschnitt des Filmplakats von "Werk ohne Autor", © bwi / Info3 Verlag 2018
Ausschnitt des Filmplakats von "Werk ohne Autor", © bwi / Info3 Verlag 2018

Florian Henckel von Donnersmarck zeigt in „Werk ohne Autor“, eingebettet in die dunkle Geschichte Deutschlands, das Drama einer künstlerischen Selbstfindung. NS-Verbrechen und romantische Tradition, sozialistischer Realismus, Pop-Art und eine Initiation durch Joseph Beuys bilden die Materialien einer einzigartigen Film-Biographie, die an das Leben des Malers Gerhard Richter angelehnt ist.

 

Das versammelte Feuilleton scheint sich verabredet zu haben: Nahezu einmütig wurde der Film eines ihrer ehemaligen Lieblinge niedergemacht, der seinerzeit mit seinem Erstling gleich den Oscar nach Hause geholt hatte. Doch die Verdammung folgte nur einem ehernen Gesetz: dass Künstler, die zuvor in den Himmel gehoben wurden, möglichst bald in den Orkus zu stoßen seien. Die Frage ist nur, wann dies geschieht.

Hier passierte es beim dritten Film des Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck, bei „Werk ohne Autor“, der zum Tag der deutschen Einheit in den Kinos startete. Da der Film seine Premiere auf dem Filmfestival in Venedig feierte, konnten rechtzeitig Tasten und Bleistifte gespitzt werden.

Und die Kritiken liefen nicht ins Leere. „Werk ohne Autor“ war schon zum Ende der 1. Woche ein Werk vor ziemlich leeren Zuschauerreihen.

Dabei handelt es sich um nichts weniger als um ein Meisterwerk, welches „Das Leben der Anderen“, sehr zu Recht mit dem Oscar ausgezeichnet, plötzlich in den Hintergrund treten lässt.

„Werk ohne Autor“, wiederum für den Oscar nominiert, beginnt mit der wunderschönen Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl), die den kleinen Neffen Kurt (Cai Cohrs) 1937 in eine Ausstellung über „entartete Kunst“ mitnimmt und ihm ins Ohr wispert, die angeprangerten Kunstwerke von Kandinsky eigentlich sehr schön zu finden. Sie will den Jungen fördern, der in seinen frühen Jahren schon durch künstlerische Begabung auffällt.

Sieh nicht weg! Filmplakat von "Werk ohne Autor", © bwi / Info3 Verlag 2018

Sieh nicht weg! Filmplakat von „Werk ohne Autor“, © bwi / Info3 Verlag 2018

Schrecken der NS-Zeit

Die Tante ist nicht nur wunderschön, sie hat auch Allüren. So ist es Ritual bei ihr, sich an einem Dresdner Busbahnhof von pausierenden Bussen mit Scheinwerferlicht anstrahlen und mit einem Dauerhupton beschallen zu lassen, was ihr geradezu ekstatische Gefühle zu bescheren scheint. Ebenso darf Tante Elisabeth wegen ihrer großen Schönheit bei einem Nazi-Aufmarsch ein bildschönes Blumenarrangement dem Führer persönlich überreichen. Bald spielt sie andächtig nackt auf dem Schemel sitzend Klavier, vom kleinen Kurt ebenso andächtig von hinten beobachtet. Irgendwann hört sie auf mit dem Spielen, wendet sich um, und schärft ihm ein: „Sieh nicht weg! Alles was wirklich ist, ist auch wahr!“ Dabei schlägt sie sich mit einer Glasschüssel an den Kopf, bis sie blutet.

Die Ärzte diagnostizieren Schizophrenie bei ihr. Sie wird unter verzweifelter Gegenwehr in die Klinik abtransportiert. Kurt erhebt seine Hand, um die traurige Szene hinter Unschärfe verschwinden zu lassen – eine Anspielung auf die später oft angewendete Technik des Meister-Malers. Professor Carl Seeband, verbohrt-egozentrisch dargestellt von Sebastian Koch, schickt Elisabeth nach ihrer Zwangssterilisation ins Vernichtungslager. Die Exposition der über drei erschütternde Stunden dauernden Story endet mit der Bombardierung Dresdens, in welche die  Vergasung Elisabeths – als eine der ersten Opfer des Euthanasieprogramms – einleuchtend schrecklich hineingeschnitten wird. Es sind lange, entsetzliche Minuten, gegen die auch der Rezensent sich innerlich aufbäumt – obwohl doch alles so wahr ist.

Erleuchtung im Eichbaum

Dann macht die Geschichte einen Sprung. Deutschland liegt in Trümmern. Das Leben geht weiter. Kurt Barnert (Tom Schilling) studiert nach einem Erleuchtungserlebnis in einer knorrigen Eiche, die an Caspar David Friedrichs „Einsamer Baum“ erinnert, Malerei in Dresden. Hier lernt er die kecke Modeschneiderin Elisabeth (Paula Beer) kennen, die nicht nur denselben Vor-Namen wie die geliebte Tante trägt, sondern ihr auch wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Kurts Schicksal ist es, erst seine Tante durch den SS-Arzt verloren zu haben, um sich, ohne die Zusammenhänge zu kennen, in die Tochter eben jenes Euthanasie-Arztes Seeband zu verlieben. Ein ergreifend zugespitzter Filmplot, der auch noch biographisch wahr ist und das Schicksal eines der größten zeitgenössischen Künstler abbildet: das von Gerhard Richter nämlich, an dessen Biographie sich die Filmhandlung orientiert.

Professor Carl Seeband wirkt noch zerstörerisch ins Leben der jungen Liebenden ein, indem er unter Vorspiegelung der Gefahr für Elli – Vater und Kurt nennen sie so – eine aufgezwungene Abtreibung bei der Tochter vornimmt und sie unfruchtbar macht.

Initiation durch Beuys

Wir sind noch in der Zeit vor dem Mauerbau. Kurt und Elli, mittlerweile verheiratet, gehen in den Westen und landen in Düsseldorf. Gerhard Richter alias Kurt Barnert wird von dem dortigen Professor, einem Filzhutträger, der bei einer Performance Fett in eine Ecke schmiert, in die Kunsthochschule aufgenommen. Dieser Professor, unschwer als Joseph Beuys zu identifizieren, vermittelt seinen Studenten das Ideal vollkommener Freiheit durch wahrhaft ausgeführte Kunst. Er will kein Kunstwerk seiner Studenten sehen „müssen“, da sie doch nur selber entscheiden können, ob ihr Kunstwerk wirklich wahr sei. Doch Kurts Kunst möchte er überraschend dann doch sehen. Während die Düsseldorfer Kommilitonen experimentell-avantgardistisch der großen Idee hinterher jagen, wird Kurt durch den Professor allerdings darauf aufmerksam gemacht, dass alles, was er bisher geschaffen habe, noch nicht Ausdruck seiner selbst sei. Beuys verabschiedet sich, indem er den Filzhut lüftet und seine aus dem Krieg davongetragene Wunde zeigt.

Auf seiner Spurensuche nach sinnhafter Verbindung der Erscheinungen und authentischem Selbstausdruck gemäß des Evangelienworts „Die Wahrheit wird euch freimachen“ erhält der junge Künstler neue Inspirationen. Sie führt Barnert/Richter an die eigne – noch unsichtbare – Wunde. Wiederum ohne die Zusammenhänge zu erkennen, findet er durch abgemalte, in Unschärfe verfremdete Schwarzweißfotos seine Wahrheit im Schicksal, jenseits der Schwelle des Tagesbewusstseins, die ihm die Initiation in sein eigenes Werk beschert – eine Szene, die der Film einzigartig zum Höhepunkt ausbaut. Auch der Bann des ehemaligen SS-Arztes scheint nun unwirksam geworden. Endlich bekommt Elli das ersehnte Kind. Der Kreis schließt sich zum Anfang, als nach gelungenem Ausstellungsauftakt samt Pressekonferenz Kurt an einem Busbahnhof die Fahrer um ein Hupkonzert bittet, in dem er seinen Sieg auskostet.

Eine weitere Facette der Wahrheit hält übrigens die Ausstellung im Potsdamer Museum Barberini bereit, in der abstrakte Kunst von Gerhard Richter gezeigt wird, die auch jetzt noch läuft. Der Rezensent hatte sie lange vor dem Film besucht und sich gewundert, dass er, als ausgewiesener Gerhard-Richter-Fan, so wenig damit anzufangen wusste. Jetzt weiß er’s: Es stammten viele Werke noch aus der Zeit vor der durch Beuys eingeleiteten Initiation.

 

Ausstellungs-Tipp: Gerhard Richter. Abstraktion. Museum Barberini, Potsdam, noch bis zum 21. Oktober 2018.

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Über den Autor / die Autorin

Ronald Richter

Ronald Richter

Ronald Richter ist ständiger Mitarbeiter von Info3, freier Autor und betreibt von Berlin aus Kult.Radio Anthroposophie on air, www. kultradio.eu