Brennpunktschule Oakland: eine Waldorfschule für alle

Kinder der Community School in Oakland. Foto: Jost Schieren.

Waldorfpädagogik war ursprünglich als Schule zur Überwindung sozialer Grenzen gedacht. Im kalifornischen Oakland hat sich die Waldorfpädagogin Ida Oberman an diesen Ursprungs-Impuls erinnert und eine Schule von der sozialen Basis her entwickelt. Ein Besuch.

International Boulevard in Oakland, Kalifornien. Verlassene Häuser, ab und zu ein buntes Fast-Food-Drive-in. Obdachlose in provisorischen Behausungen. Offene Straßenprostitution am frühen Nachmittag. Armut in den USA ist anders als Armut in Deutschland, es ist Armut ohne soziales Netz. Wer zufällig hierher kommt, fährt schnell mit dem Auto weiter. Wer bleiben muss, der ist am Rand der Wohlstandsgesellschaft angekommen.

Dann eine Schule: die Community School for Creative Education (CSCE). Eine sogenannte Waldorf-Charterschool. Viele Kinder mit asiatischem, hispanischem und afro-amerikanischem Hintergrund besuchen die Schule, mindestens fünf Sprachen werden gesprochen. Es ist nicht das übliche bürgerliche Milieu der Waldorfwelt, wie wir es aus Europa kennen, sondern wirklich eine Schule für alle, nicht allein für sozial privilegierte Kinder. In Deutschland würden wir vielleicht von einer Brennpunkt-Schule sprechen, die weit mehr bietet als die übliche Beschulung: Es ist ein Ort des Lernens und der Fürsorge, ein Ort, an dem sich Kinder sicher fühlen, wo sie Kind sein dürfen und spielen können.

Durch die achtsame Aufbauarbeit und Vernetzung der Schule in ihrem sozialen Umfeld ist Vieles möglich geworden. Supermärkte stellen ihre nicht mehr verkäuflichen Lebensmittel zur Verfügung. Das gewährleistet, dass alle Kinder wenigstens eine richtige Mahlzeit am Tag haben. Julia, eine Mutter mit mexikanischem Hintergrund, erzählt, dass ihr Kind seit drei Jahren hier zu Schule geht. Sie erinnert sich an ein Erlebnis bald nach der Einschulung: Wenn sie nachmittags kam, um ihren siebenjährigen Sohn Emilio abzuholen, dann bat er immer, ob er noch bleiben dürfe, um zu spielen. Also blieb sie mit ihm und half an der Schule, während ihr Sohn mit den anderen Kindern auf dem Schulhof spielte. So ging es über ein Jahr und inzwischen besucht sie selbst eine Ausbildung zur Waldorflehrerin.

„No child left behind.“ So lautete das wohlklingende und ambitionierte Programm der Bush-Regierung, mit dem damals die Bildungsmisere der öffentlichen Schulen in den USA gemildert werden sollte. Öffentliche Schulen, die sich ein spezielles Schulprofil gaben, wurden gefördert. Viele Schulen, insbesondere in Kalifornien, wählten das Waldorfprofil. Ida Obermann, Waldorflehrerin und Erziehungswissenschaftlerin mit einem PHD von Stanford, wollte mehr als nur eine weitere Waldorfschule im Umfeld der „middel class“. Nein: Waldorf sollte dahin gehen, wo die Kinder es brauchen. Sie sprach mit den Community Leaders vor Ort, den Priestern der verschiedenen Religionen, mit den Sozialarbeitern und schuf vor acht Jahren eine Gemeinschaftsschule mit Waldorfprofil. Als Charter School muss sie sich den staatlichen Tests unterziehen – und erzielt dabei deutlich bessere Ergebnisse als vergleichbare Schulen. Das machte die Wissenschaftler und Professoren des Mills-College, einer renommierten Lehrerbildungseinrichtung in den Vereinigten Staaten auf die Schule aufmerksam und sie fragten Ida Oberman, was an der CSCE anders ist. Ida antwortete schlicht: „We do Waldorf!“ – Und die Professoren antworteten, wenn Waldorf also funktioniert, dann wollen wir es in unser Masterprogramm integrieren. Und so gibt es seit dem Sommer 2018 eine Waldorfsummerschool, die gemeinsam vom Mills-College in Oakland und der Alanus Hochschule in Alfter an der Schule auf dem International Boulevard durchgeführt wird. 2018 haben zehn Teilnehmende unterschiedlichster Ethnien die Summerschool belegt. Und der Prozess geht weiter.

War das nicht die ursprüngliche Idee Rudolf Steiners, als er die erste Waldorfschule für die Arbeiterkinder der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria gegründet hat? Eine Schule für alle? Ist das nicht die zukünftige Aufgabe der Waldorfschule: Wirklich eine Schule für alle zu werden, unabhängig von sozialen und kulturellen Unterschieden?

Zur Person

Dr. Ida Oberman, geboren in den Niederlanden, besuchte die Waldorfschule in Tübingen und das Stuttgarter Lehrerseminar. Sie promovierte an der Stanford University. In den USA brachte sie eine umfangreiche studie über die Entwicklung der Waldorfpädagogik von den Ursprüngen bis zur Gegenwart heraus, in dem auch die Konflikte in der NS-Zeit thematisiert werden. Ida Oberman arbeitete in den USA als Oberstufenlehrerin an Waldorfschulen und darüber hinaus im Rahmen staatlicher Schulförderprogramme. Seit 2008 leitet sie ein multikulturelles und ethnisch diverses Team als  Gründerin und Direktorin der CSCE, einer Waldorf Charter School in Oakland.  

Zum Autor

Jost Schieren ist seit 2008 Professor für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfpädagogik an der Alanus Hochschule in Alfter und Dekan des Fachbereiches Bildungswissenschaft.

Dieser Artikel erschien im Januar-Heft von info3 mit dem Titel 100 Jahre Waldorfschule.

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