Eine Rolle für die Umwelt

Hannes Jaenicke. Foto: Frank Schubert/Info3 Verlag

Als einer der wenigen Schauspieler Deutschlands nutzt Hannes Jaenicke seine Popularität, um sich für soziale und ökologische Themen einzusetzen. Nicht nur mit seinen Natur-Dokus, sondern immer wieder auch mit öffentlichen Aktionen mahnt er zu entschiedenem Handeln. Ein Gespräch über Umweltschutz, die Tücken der Politik und das Potenzial der VerbraucherInnen.

Hannes Jaenicke ist kein Versteher, sondern ein Erklärer. Weil er längst begriffen hat, was in unserem System in Sachen Umwelt schiefläuft, versteht er nicht, warum andere dafür so lange brauchen. Wut allein reicht nicht heißt zwar eines seiner Bücher, aber bei ihm selbst spürt man doch schnell den heiligen Zorn, wenn er über die Versäumnisse von Politik und Wirtschaft spricht. Hannes Jaenicke will etwas verändern. Dann ist der bekannte Schauspieler aber auch jemand, der in der Begegnung sofort Nähe erzeugt. Jemand, der Verbündete will, keine Zuhörer.

Zusammengebracht hat uns eine gemeinsame Bekannte: Christine Arlt, die für die ägyptische Sekem-Initiative arbeitet und die Hannes Jaenicke vor ein paar Jahren auf dieser wunderbaren Farm in der Nähe Kairos bei einem Filmprojekt kennenlernte. „Ich fand Ibrahim Abouleish sehr beeindruckend, seine Aura, seine Bildung, wie er Morgen- und Abendland verbunden hat“, erinnert sich Jaenicke an den inzwischen verstorbenen Gründer dieser Initiative, die ein herausragendes sozial-ökologisches Modell in Ägypten darstellt. Dass sich diese beiden Tat-Menschen gut verstanden haben, kann man sich vorstellen. Die Anthroposophie, auf der die Sekem-Initiative beruht, war Hannes Jaenicke übrigens schon aus seinem familiären Umfeld vertraut: „Ein großer Teil meiner Familie sind Anthroposophen“, erzählt er. „Meine Cousine macht Psychiatrie in Witten. Steiner ist für mich ein Vordenker, der schon vor hundert Jahren die richtigen Ideen hatte.“

Popularität einsetzen

Angefangen mit dem Umweltengagement hat es bei Hannes Jaenicke im Alter von 25 Jahren, als er angesichts des damaligen Giftskandals bei der Chemiefirma Sandoz Greenpeace beitrat. Heute setzt er seine Popularität als Schauspieler ein, damit Umweltthemen populärer werden. „Die Verbindung zwischen künstlerischer Arbeit und gesellschaftlichem Engagement ist in Deutschland schwer, in den USA ist das  viel selbstverständlicher“, erzählt der teilweise in Amerika aufgewachsene Schauspieler. Deshalb kommen auch seine eigenen Vorbilder, was den Umweltschutz betrifft, aus den USA. „Robert Redford, Bruce Springsteen, die ganze No Nukes-Bewegung, Jackson Browne, die sind schon in den 70ern gegen Atomkraft losgezogen. Wenn du in den USA Erfolg hast, positionierst du dich.“

Genau das macht Hannes Jaenicke in Deutschland, etwa bei einer bundesweit beachteten Kampagne gegen Plastikmüll, als er von einem Boot auf der Spree aus die Berliner Politik zum Handeln aufforderte. Die Aktion wurde unter anderem durch die Firma Sodastream gesponsert, die Geräte für selbst erzeugtes Sprudelwasser verkauft und Plastikflaschen einsparen will. „Mit denen mache ich auch die aktuelle Plastikkampagne“, erzählt Jaenicke. „520.000 Unterschriften, so viele gab es noch nie bei der Petitionsplattform Change.org. Aber leider hat Angela Merkel die persönliche Annahme der Petition verweigert. Zum Plastikgipfel im Februar wurden wir nicht eingeladen. Sie hat die Petition nicht einmal mitgenommen zum Gipfel. Und im Übrigen ist auch unser Verkehrsminister eine große Bremse.“

Neben solchen Aktionen produziert Jaenicke seit dem Jahr 2005 für das ZDF die Reihe Hannes Jaenicke im Einsatz für …, in der er sich für bedrohte Tierarten wie Löwen und Haie einsetzt. 2008 drehte er eine Dokumentation über Eisbären in der Arktis Kanadas, denen wegen der zunehmenden Erderwärmung die Lebensgrundlage entzogen wird. Wunderbare Aufnahmen dieser größten Landraubtiere der Erde, aber auch beklemmende Szenen zeigen, wie wir Menschen diesen Schönheiten zusetzen. Schon damals stand für Jaenicke die Klimakrise im Fokus. Zehn Jahre sind seither vergangen und weitgehend vertan – ein Grund mehr, sich aufzuregen: „Warum tun die Leute nichts? Das ist beim Klima doch nur eine Bequemlichkeitsfrage“, kritisiert er. „Wir müssten ja nur ein paar winzige Schritte tun, um  weniger CO2 zu produzieren. CO2 müsste außerdem besteuert werden.“ Von der Politik verspricht er sich dabei wenig. Deutschland habe sich von den Zielen des Pariser Klimaabkommens klammheimlich verabschiedet. Ein typischer Jaenicke-Kommentar: „Das ist unfassbar dumm, kurzsichtig und peinlich.“ Seine Hoffnung: „Letzten Endes ist die wachste Abteilung momentan der Endverbraucher.“ 

Gewinn statt Verzicht

Aber wenn es an den eigenen Lebensstil geht, sind selbst ökologisch denkende Menschen oft nicht konsequent genug. Scheuen wir alle den Verzicht? „Die einen nennen es Verzicht, aber eigentlich ist es doch ein Gewinn“, sagt Hannes Jaenicke. „Auf ein Steak zu verzichten, heißt gesünder leben: keine Antibiotika, keine Wachstumshormone, kein genmanipuliertes Soja. Das ist ein Gewinn. Elektroautos oder Fahrrad zu fahren verbessert die Luft. Bei mir hat das immer mit einem Lustfaktor zu tun, ich fahre lieber Elektroauto als einen Verbrenner, ich finde es schöner, einen Stoffbeutel herumzutragen als eine Plastiktüte und den Sinn eines Wäschetrockners habe ich noch nie verstanden. Ich lebe vegetarisch und weitestgehend vegan, ab und an esse ich mal ein Eis oder Schokolade.“ So weit, so gut, und zur Nachahmung empfohlen. Aber Jaenicke weiß auch um eine Schattenseite: „Die Schwachstelle bei mir ist das Fliegen. Darauf kann ich beruflich leider nicht verzichten.“ Und zwar nicht nur wegen der Produktionen an Naturschauplätzen in aller Welt, sondern auch weil demnächst in verschiedenen arabischen Ländern Drehs für eine internationale Serie anstehen. Zudem hat Jaenicke immer noch ein Standbein in den USA.

Trotz aller Einschränkungen sieht der Schauspieler das größte Potenzial zur Veränderung immer noch bei uns, den VerbraucherInnen. Durch die stärkere Nachfrage nach Bio-Nahrung etwa habe sich seiner Wahrnehmung nach in der Lebensmittelindustrie schon viel verändert: „Bei Edeka und Rewe bewegt sich etwas,  erstaunlicherweise auch bei Lidl, bei Aldi weniger, die stellen sich bei Fairtrade-Produkten und bei Plastikverpackungen quer. Lidl dagegen ist inzwischen der größte Abnehmer von Fairtrade-Baumwolle und Fairtrade-Reis, außerdem gibt es da nur noch Fairtrade-Bananen.“ Die Politik aber gestalte das wachsende Umweltbewusstsein leider falsch: Das ungesunde Essen sei immer noch billiger als das gesunde. „Das ist von den Lobbyisten gewollt“, weiß Jaenicke. Könnte die Bevölkerung noch mehr Druck in Richtung Wandel machen? Kurz und klar die Antwort: „Ja, indem man grün wählt.“ Und als ein Beispiel nennt er das Nachtflugverbot in Frankfurt: „Das ist ein ziemliches Wunder, verglichen mit anderen Metropolen. Dank der Grünen. Die meisten Veränderungen müssen letzten Endes über die politischen Gremien gehen, sonst läuft nichts.“

Insektensterben und bedrohte Vögel

Optimistisch stimmt ihn derzeit die SchülerInnen-Aktionen unter dem Motto „Fridays for Future“: „Das finde ich großartig, nichts macht mir mehr gute Laune als diese Bewegung!“ Auch das jüngste Bienen-Volksbegehren in Bayern, bei dem 1,7 Millionen Menschen einem Entwurf für mehr Artenschutz zugestimmt haben, freut ihn: „Wenn Ministerpräsident Söder jetzt clever ist, macht er sich zum Pionier der Agrarwende, jetzt kommt Bayern um einen neuen Gesetzentwurf nicht herum.“ Um das Bienen- und Insektensterben wird es auch in Jaenickes neuem Dokumentarfilm gehen. Damit eng verbunden ist der extreme Rückgang der Vögel. „Mein nächstes Thema ist eine Doku über das Aussterben der Sing- und Zugvögel, da geht es auch um die Bauernlobby und die Agrarindustrie. Die Lerche stirbt bei uns aus, die Mauersegler verschwinden, wir haben die skandalöse Vogeljagd in Südeuropa, der jedes Jahr Millionen von Singvögeln zum Opfer fallen und gegen die niemand etwas unternimmt“, regt sich Jaenicke zurecht auf. Protagonist des Films ist Professor Peter Berthold, ein weltweit bekannter Ornithologe vom Bodensee, „der kein Blatt vor den Mund nimmt“, wie Jaenicke betont. Von der Stiftung Pro-Artenvielfalt wird Roland Tischbier dabei sein und sicher noch manch anderer. Denn wie schon erwähnt: Hannes Jaenicke sucht keine Versteher, sondern Verbündete. Damit sich etwas ändert.

Ein Artikel aus der April-Ausgabe von info3, Schwerpunkt: Klima und Umwelt. Hier die Printausgabe für € 5,90 zuzügl. Porto bestellen.

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Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Dr. Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie, Promotion zum Dr. phil. an der Universität Bochum.Tätigkeit in der anthroposophischen Heilpädagogik, in der Erwachsenenbildung und als Historiker. Seit 1995 verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Info3, Verleger im Info3 Verlag, Buchautor.