Die große Transformation ist nötig

Maja Göpel. Foto: Studioline Photographie

Dr. Maja Göpel ist Beraterin des politischen Berlin. Als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) ist sie derzeit eine der gefragtesten ExptertInnen in Sachen Klimakrise.

Dr. Maja Göpel, Sie sind Generalsekretärin des WBGU, des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“ – was wird dort fürs Klima unternommen?

Unser Auftrag ist es, genau zu verstehen, wie globale Umweltveränderungen sich entwickeln, da ist die Klimaveränderung ja ein gewichtiges Thema. Wir sprechen aber auch über weitere planetare Leitgedanken wie Biodiversität, intakte Ozeane und Wasserkreisläufe. Um dann zu schauen, wie sich gesellschaftliche Entwicklung und Tätigkeiten auf die Fähigkeiten von Ökosystemen auswirken, sich wieder stabil zu regenerieren. Damit wir wissen, wodurch uns Wasser, Nahrungsmittel und ein stabiles Klima zur Verfügung gestellt werden oder eben nicht. Dieses Frühwarnsystem liegt dem WBGU zugrunde, der daraus Handlungs- und Forschungsempfehlungen an die Bundesregierung formuliert und in zweiter Linie die Themen auch die Öffentlichkeit trägt.

Steuert der Klimawandel schon auf eine Katastrophe zu?

Das IPCC, das Intergovernmental Panel on Climate Change, trägt seit Jahren mit 500 Wissenschaftlern aus der ganzen Welt die Erkenntnisse zur Klimaveränderung zusammen. Die haben im letzten Herbst einen Bericht veröffentlicht, der deutlich zeigt: Wenn wir die Erwärmung nicht unter 1,5 Grad halten, dann werden sich unsere Rahmenbedindungen – die gewohnten Temperaturverhältnisse, nicht zu viele Unterwetter, Dürren, Stürme, Überflutungen – radikal verändern. Wenn wir deutlich über 1,5 Grad landen, steuern wir auf natürliche Lebensbedingungen zu, die möglicherweise nicht mehr viel mit den stabilen Verhältnissen der  letzten 10.000 Jahren gemein haben. Was das für das menschliche Leben bedeutet, das bringt Angela Merkel auf den Punkt: Klimawandel ist kein weiches Öko-Thema.

Bemerken Sie in Ihrem privaten Leben Veränderungen am Klima?

Ich glaube, im letzten Sommer hat es jeder gemerkt. Selbst hier, wo wir noch eine kaum betroffene Region sind. 40 Grad Außentemperatur bedeuten nicht unbedingt Lebensqualität. Da verändert sich doch einiges im körperlichen Wohlbefinden. Ebenso leidet die Landwirtschaft, wir haben gesehen, wie die Seen zurückgehen und die Schifffahrt auf dem Rhein. Deshalb steht das Thema jetzt auch deutlicher auf der Agenda. Das Problem beim Klimawandel ist ja bisher, dass er sich dem direkten phänomenologischen Wahrnehmen von Ursache und Wirkung entzieht. Das ist beim Plastikmüll anders. Plastik kann man sehen, anfassen, wir erblicken die daran verendeten Tiere.

Achten Sie auf Ihren CO2-Fußabdruck?

Ja, klar. Wir teilen uns als zwei Familien ein Auto, das nur in Notfällen benutzt wird. Alles wird sonst mit dem Fahrrad erledigt. Und wir bevorzugen lokale Lebensmittel und Pullis statt überheizter Wohnungen. Das Geld liegt bei verantwortlichen Banken und der Strom kommt von Öko-Anbietern. Ich bin seit zwanzig Jahren Vegetarierin. Was aber vor allem mit der Wahrnehmung zu tun hatte, wie wir unsere Tiere behandeln. Für mich ist das eine der ganz dunklen Seiten unserer Gesellschaft. Dass wir einerseits unsere Haustiere verhätscheln, anderseits das billige Stück Fleisch aus dem Regal ziehen. Wo wir doch genau wissen, wie mit diesen Tieren umgegangen wurde. Beim WBGU achten wir darauf, dass innerdeutsch nicht geflogen wird. Auch im europäischen Ausland soll möglichst per Bahn gereist werden und Flugreisen werden kompensiert. Natürlich ist das Wichtigste im Moment, den politischen Akteuren zu signalisieren, dass wir gesellschaftlich die Veränderung wollen. Denn im Prinzip können wir im Kleinen nur Akzente setzen, die großen Hebel sind politisch und wirtschaftlich mit verbindlichen Rahmenbedingungen für alle.

Könnte uns ein weiterer technischer Durchbruch helfen, wie einige meinen?

Wir müssen zum Beispiel die  Energiesysteme CO2 neutral gestalten. Dafür brauchen wir erneuerbare Energien und die Digitalisierung, um unterschiedliche Formen von Energiegewinnung und -einsparung zu koordinieren und auch neue Technologien zur Speicherung. Das heißt, wir brauchen auf jeden Fall technologische Durchbrüche.

Was halten Sie davon, einen anderen Planeten zu besiedeln, wie es Stephen Hawking gegen Ende seines Lebens wiederholt forderte und Elon Musk es innerhalb einer kurzen Spanne auf dem Mars realisieren will?

Kann man sich ja gerne mal vorstellen. Ich weiß nicht wirklich, was es da oben so Schönes zu sehen gibt. Ich finde das, was wir hier geerbt haben, die Erde, ist so wunderschön, mit solch einem Reichtum an Leben, dass es doch erstmal darum geht, dankbar zu sein, und sich für den Erhalt dessen, was ich bekommen habe, einzusetzen. Und nicht zu sagen: Nach mir die Sintflut! Ist mir egal, was mit den Menschen und den anderen Lebewesen passiert. Selbst wenn ich mich nur auf das „Team Mensch“ konzentrieren will, wird auch nicht das komplette Team auf den Mars fliegen. Das können nur die Top ein Prozent, die den Reichtum unter sich aufteilen. Das ist mit Sicherheit keine Strategie für Milliarden von Menschen. Mein Ansatz ist, Lösungen zu finden, die für alle Menschen auf diesem Planeten machbar sind. Und diese enormen Weichen gilt es in den nächsten zehn Jahren zu stellen, ökologisch und ökonomisch sinnvoll, sozial und ethisch integer, ja würdevoll: in der Art der Produktion, in der Landwirtschaft und der Gestaltung der Städte und in der Neu-Konfiguration unseres Wohnens und Reisens.

Was halten Sie von dem Baustein E-Mobilität?

Die Japaner setzen mittlerweile auf Wasserstoff. Während wir im Moment alles in einem Affenzahn elektrifizieren. Und das müssen wir parallel auf erneuerbare Energie umstellen, sonst bleibt die CO2-Bilanz unverändert. Wenn wir aus dem Kohlekraftwerk den Strom beziehen, mit dem wir dann das Auto füttern – damit wäre nichts gewonnen. Es ist also wichtig, unterschiedliche Energieformen weiterzutreiben. Und gleichzeitig zu überlegen: Was ist denn eigentlich Mobilität? Das ist für mich die wichtigere Frage. Welche Grundbedürfnisse befriedigt sie? Wir können auch noch mal den Aufbau der Strukturen unserer heutigen Städte und Umlandsräume hinterfragen. Welche Möglichkeiten gibt es, Verkehrsmittel zu teilen, aber auch die Notwendigkeit oder das Bedürfnis nach Mobilität zu reduzieren? Wir werden dabei auf Jetset-Lebensstile der Werbung kommen, auf Shopping-Tourismus und billige Tickets – werden aber auch einsehen müssen, dass es für einen Großteil gar nicht mehr anders geht. Weil sie ihren Arbeitsplätzen hinterherfahren müssen. Die Suche nach der Mobilität der Zukunft sollte also die Frage ins Zentrum stellen, warum wir  so viele Wege zurücklegen.

Gibt es noch Hoffnung?

Klar. Es geht ja nicht darum, zu erwarten, dass alles genau so wird, wie ich es mir wünsche und unerwartete Durchbrüche kennt die Geschichte zu genüge. Außerdem ist Hoffnungslosigkeit keine sinnstiftende Form der Existenz. Einige leiden sehr darunter. Aber andere verstecken hinter deklarierter Hoffnungslosigkeit schlicht ihren Zynismus. Diesen Zustand können sich nur Privilegierte leisten. Vaclav Havel hat es auf den Punkt gebracht: Es geht darum, das zu tun, was ich im Moment für das Richtige halte. Dann hat es die Chance, Teil der Zukunft zu werden. Das ist doch hoffnungsvoll? ///

Leicht gekürzt aus der Ausgabe 4/2019 der Zeitschrift info3. Hier das Themenheft Kimakrise bestellen.

Maja Göpel zusammen mit Eckard von Hirschhausen und anderen bei „Scientists for Future“ in der Bundespressekonferenz:

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Über den Autor / die Autorin

Ronald Richter

Ronald Richter

Ronald Richter ist ständiger Mitarbeiter von Info3, freier Autor und betreibt von Berlin aus Kult.Radio Anthroposophie on air, www. kultradio.eu