„Wirtschaft braucht Weiterentwicklung im Bewusstsein“

Ökonom und Berater Benjamin Brockhaus / Foto privat

Der Ökonom und Berater Benjamin Brockhaus hat ein Buch über das transformative Potenzial der Wirtschaft vorgelegt. Wir sprachen mit ihm über die Rolle der Wirtschaft bei der notwendigen Transformation unserer Gesellschaft.

Nachhaltigkeit in der Wirtschaft wird ein immer breiteres Thema, viele Unternehmen legen inzwischen regelmäßig Nachhaltigkeitsberichte vor. Sie haben sich mit fünf Unternehmen ganz besonders befasst. Wie kam es zu der Auswahl?

In meinem Ökonomie-Studium war ich in der Wirtschaft besonders an bestimmten Leitfiguren interessiert: Wer sind die Vorbilder eines nachhaltigen Wirtschaftens? Welches sind die nachhaltigsten Unternehmen? Ich wollte es dann genauer wissen: Also habe ich alle Preisträger der deutschen Nachhaltigkeitspreise, die in den letzten fünf Jahren verliehen wurden, in Listen zusammengetragen und mir dann die fünf am häufigsten ausgezeichneten Unternehmen genauer angeschaut:

Das sind der Bio-Pionier Alnatura, die sozial-ökologische GLS Bank, der Bio-Tee und Gewürz-Pionier Lebensbaum, die Anthro-Medizin und Naturkosmetik-Firma Wala-Dr. Hauschka sowie die nachhaltigste Outdoor-Ausrüstungsfirma Vaude Sport aus dem Allgäu.

Verstehe ich es richtig, dass für Sie Nachhaltigkeit etwas mit einer bestimmten geistigen Haltung zu tun hat?

Ja. Seit bald 40 Jahren besteht die dringende Forderung nach einem grundsätzlichen Wandel namens „nachhaltige Entwicklung“. Spätestens seit zehn Jahren haben wir alle wissenschaftlichen Fakten darüber vorliegen, dass wir die planetaren Grenzen schon weit überschritten haben – und ein radikaler Kurswechsel in Richtung Umwelt- und Klimaschutz sofort notwendig ist, wenn wir als Menschheit überleben wollen. Dennoch geschieht im Mainstream so gut wie nichts. Bewegungen wie „bio“, „fairtrade“ und „klimaneutral“ geben praktikable Antworten und wachsen auch – aber viel zu langsam – und sind global betrachtet immer noch absolute Nischen-Randbewegungen. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in den Industrienationen reproduzieren täglich eine ökonomische Kultur der Nicht-Nachhaltigkeit. Und das, obwohl bessere Ansätze längst existieren. Die Frage ist also schon nicht mehr: Wie gelingt der Wandel? Sondern es ist die Frage nach der Motivation.

Warum gehen wir den Wandel nicht mit aller Kraft an?

Die Beschäftigung mit der kollektiven Ohnmacht und Unbewusstheit, auf die man hier stößt, ist frustrierend und wenig zielführend. Also wollte ich fragen: Warum tun es manche doch?Was können wir von den Menschen und Unternehmen lernen, die den Wandel mit aller Konsequenz angehen? Und vor allem: Warum – in ihrem tiefsten Innern – machen sie das? Welche geistigen Haltungen bewegen sie zu ihrem nachhaltigen Unternehmenshandeln?

Worauf sind Sie da als Antwort gestoßen?

Ich fand es von Anfang an erstaunlich, dass unter den Ranglistenführern der nachhaltigsten Unternehmen so viele anthroposophisch orientierte Unternehmen sind, auch die Weleda beispielsweise taucht da immer auf. Das hat in mir die Frage aufgeworfen: Inwiefern begünstigt die Anthroposophie – oder spirituelle Weltanschauungen im Allgemeinen – das Gelingen eines nachhaltigen Unternehmertums? Genau dieser Frage bin ich dann in Gesprächen mit den GeschäftsführerInnen der fünf oben genannten Unternehmen nachgegangen.

Die Auswertung der Interviews hat dann gezeigt, dass die UnternehmensleiterInnen der nachhaltigsten Unternehmen Mind-Sets verfolgen, die in vielen Bereichen in Opposition zum wirtschaftlichen Mainstream stehen. So gehen sie von einem ganz anderen wirtschaftlichen Paradigma aus – glauben nicht mehr an den Homo Oeconomicus, nicht mehr an Wachstum ohne Grenzen und sie haben alle humanistische Weltbilder. Sie begreifen den Menschen nicht als Molekülhaufen, sondern als Wesen mit Körper, Geist und Seele. Ich stieß auf pluralistische Grundhaltungen, das Üben von Tugenden und eine hohe Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten und zu gestalten.

Es sind ja insgesamt nur wenige Unternehmen, für die eine solche, neue Geisteshaltung heute gilt. Könnte das trotzdem Vorbildcharakter haben?

Das denke ich schon. Es ist doch inzwischen klar, dass die Menschheit dringend einen Paradigmenwechsel braucht. Es braucht ein neues Mind-Set – neue Geisteshaltungen – um wirklich nachhaltige Produktionssysteme zu gestalten. Dass wir im Nachhaltigkeits- und Klimaschutzdiskurs noch immer nicht weiter sind, hat im Endeffekt mit einer kollektiven Verwirrheit unseres Geistes zu tun. Wir reproduzieren blind das Althergebrachte. Wir brauchen ein kollektives Erwachen – eine kollektive Weiterentwicklung im Bewusstsein –, um den Wandel zu schaffen. Dafür sind die von mir untersuchten Firmen vorbildlich. ///

Buchtipp:

Benjamin Brockhaus: Transformative Unternehmensführung und ihre geistigen Grundlagen. Die Bewusstseinshaltung zukunftsfähiger Organisationen. Mit einem Vorwort von Alnatura-Gründer Prof. Dr. Götz Rehn, Info3 Verlag, 176 Seiten, Broschur, € 17,90

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.