Mai 2018 Zeitschrift Info3

Vier Erwachsene, acht Kinder und eine Waschmaschine

Das Gründungsteam des Dottenfelderhofes – heute und damals. © Info3 Verlag 2018
Das Gründungsteam des Dottenfelderhofes – heute und damals. © Info3 Verlag 2018

Im Frühjahr beging die 1968 gegründete Betriebsgemeinschaft Dottenfelderhof ihr fünfzigjähriges Bestehen mit einer Feierstunde.

Von der einstigen neunköpfigen Gründergeneration waren zur Feierstunde auf dem Podium Dieter und Ebba Bauer, Knud Brandau und Manfred Klett zugegen. Moderiert von Michael Olbrich-Majer ging man auf eine spannende Spurenlese in die Vergangenheit und holte im Zuge dessen den verstorbenen Johannes Klein ebenso wie Ernst Becker, Schlüsselfigur der Hofgemeinschaft, im Geiste mit in die Runde.

Die 1968 gegründete Betriebsgemeinschaft erhielt nach zähen Verhandlungen mit dem Hessischen Landwirtschaftsministerium einen Pachtvertrag für zunächst fünf Jahre. Doch die Geschichte der bio-dynamischen Bewirtschaftung des Hofes hat tiefere Wurzeln. Bereits 1946 war Ernst Becker durch seine Ehe mit der Tochter der damaligen Pächterfamilie Albert Mitpächter des Dottenfelder Hofes geworden und hatte damit begonnen, ihn auf biologisch-dynamische Landwirtschaft umzustellen. Im Zuge der Bodenreform jedoch musste er sich aus der Bewirtschaftung zurückziehen. Becker war in dieser Zeit am Institut für biologisch-dynamische Forschung in Darmstadt tätig, gab den Hof als Wohnort aber nicht auf und bemühte sich seit 1964 verstärkt um dessen Rückgewinnung im Gedanken an eine Neugründung aus dem Geist der Anthroposophie.

„Ein guter Nährboden für glückende Arbeitsprozesse“

Der Gründerkreis – Ebba und Dietrich Bauer, Johanna und Knud Brandau, Irmgard und Ernst Becker, Johannes Klein und Lieselotte und Manfred Klett – hatte sich in Darmstadt kennengelernt. Man war also schon gut miteinander bekannt, erinnerte sich Dieter Bauer, als sich die Betriebsgemeinschaft gründete. Ein guter Nährboden für glückende Arbeitsprozesse. Dazu gehörten die täglichen Arbeitsbesprechungen und wöchentlichen Sitzungen ebenso wie das gemeinsame Bocciaspiel. Edda Bauer, die einzige Dame auf dem Podium, zögerte keinen Augenblick, der Wahrheitsfindung im Erinnerungsprozess entschieden auf die Sprünge zu helfen: Denn die Frauen waren von diesem so einmütigen Zusammenspiel lange ausgeschlossen, durften an den Sitzungen nicht teilnehmen, ihre Teilnahme an Entscheidungsprozessen war nicht gefragt. Erst 1990 wurden sie offiziell in die Gemeinschaft mit aufgenommen und unschwer zu erkennen war die Empörung, die das noch im Nachhinein auslöste: Willensbildung – so Ebba Bauer – sei angewiesen auf direkte Information. Wer immer nur alles aus zweiter Hand erfahre, könne nicht wirklich partizipieren. Das sei das Dilemma der Frauen gewesen.

Deutlich wurde im Austausch miteinander: Die Betriebsgemeinschaft Dottenfelder Hof war von Beginn an auf Gewährsleute und Mitstreiter im Umkreis angewiesen. Denn mit der Gründung alleine war es nicht getan, man brauchte Geld, zunächst um das Inventar übernehmen zu können. Es war die Kreditgarantiegenossenschaft (KGG), Vorläufer der GLS Gemeinschaftsbank, so erinnerte sich Manfred Klett, die einen großzügigen Kredit gewährte, ohne dass die Betriebsgemeinschaft hätte Sicherheiten bieten können. So war das Fundament für das gemeinsame Arbeiten und Zusammenleben ein aus dem Umkreis gespendeter „Kredit auf Vertrauen“, für den sich – wie sich wohl erst später herausstellte – Ernst Wilhelm Barkhoff persönlich eingesetzt hatte. Äußerste Sparsamkeit und innerer Zusammenhalt führten dann dazu, dass die Gemeinschaft nach zwölf Jahren schuldenfrei war. Man sei ziemlich „unter Wasser geschwommen“, erinnert sich Knud Brandau. Ebba Bauer brachte es auf die Formel: „Vier Erwachsene, acht Kinder und eine Waschmaschine!“ So habe man die ersten Jahre in der untersten Etage des Hauptgebäudes gelebt. Es habe ein Konto für alle gegeben – das ist übrigens bis heute so –, jeder habe bekommen, was er gebraucht habe. Ein einziges Mal sei das Konto überzogen gewesen. Ebba Bauer nennt es mit Rudolf Steiner das soziale Hauptgesetz: Ich gebe hin, was ich habe – und es wird für mich gesorgt. „Neid hat da keine Chance, den muss man sich abgewöhnen“, ergänzt sie.

Geistige Impulse und ungeahnte Hilfen

Zu den Menschen, die ihre schützende Hand über den Betrieb legten, gehörte auch Tassilo Tröscher, damals Hessischer Minister für Landwirtschaft. Manfred Klett, der in den 50er Jahren bei Becker eine landwirtschaftliche Lehre gemacht hatte, erinnerte sich, dass er bei diesem nach Abschluss der Lehre Jahr für Jahr nachfragte, ob es nun weitergehe auf dem Dottenfelder Hof. 1964 war es dann so weit: Ein gemeinsamer Brief an Tassilo Tröscher wurde aufgesetzt, die Ziele der Gemeinschaft formuliert: exemplarische biologische-dynamische Produktion, Entwicklung einer neuen Sozialform, zeitgemäße Lösung der Bodeneigentumsfrage. Entscheidend für das Wohlwollen auf Regierungsseite sei zuletzt die soziale Frage gewesen, denn es habe sich gezeigt, dass viele Aussiedlerbetriebe allein nicht überleben konnten.

Vierte Säule des Demeterbetriebes war fast von Beginn an die 1974 gegründete Landbauschule Dottenfelder Hof e.  V., die durch einen Beschluss der hessischen Landesregierung seit Dezember 1979 als biologisch-dynamischen Lehr- und Versuchsanstalt wirken konnte. Im Laufe der Jahre hatte die Gemeinschaft weitere Herausforderungen zu meistern. Mit Hilfe der GLS Treuhand konnten 1979 die Hofgebäude und ein Teil des Landes gekauft werden. Manfred Klett nennt dieses Kern-Umkreis-Wirken ein Hauptgesetz des Sozialen: Wenn die Not am größten sei und die Zielsetzung – um der Sache willen – am klarsten im gemeinsamen Bewusstsein lebe, dann komme der Sache – und der Gemeinschaft – von außen ungeahnte Hilfe zu. Im Zuge des Ankaufs – und um der GLS Treuhand zumindest einen Teil der Summe zurückzahlen zu können – änderte die Gemeinschaft ihre Rechtsform. Man versuchte eine Solidargemeinschaft von Mitunternehmern zu finden und gründete so 1981 die Landwirtschaftsgemeinschaft Dottenfelderhof GbR als Zusammenschluss von Landwirten und Verbrauchern, die 1995 aus steuerlichen Gründen in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt wurde. Die Verbraucher sollten sich persönlich an der Zukunftsgestaltung des Hofes beteiligen können. Dazu gehörte die eigene Vermarktung der Erträge im Hofladen und – nach und nach – die eigene Herstellung von Produkten in der Bäckerei und Käserei.

Ohne den tragenden geistigen Impuls, so Dieter Bauer, sei eine solche Unternehmung wie die Betriebsgemeinschaft Dottenfelder Hof nicht vorstellbar. Und Ebba Bauer fügt hinzu: Wenn die Menschen harmonisch zusammenleben, allein dann schaffen sie die Voraussetzung dafür, aktiv in die Natur hineinarbeiten zu können und die Erde fruchtbar zu machen – das sei für sie der wesentliche Impuls von Rudolf Steiner gewesen.

Ein geistiger Impuls lebte am Hof übrigens schon lange vor der biodynamischen Bewirtschaftung.  976 wurde der Hof „Dutdunueld“ erstmalig urkundlich erwähnt: Er gehörte zur Abtei Mosbach, die Kaiser Otto II. dem Kloster Worms schenkte. Später ging der Hof an das Kloster Ilbenstadt über und zählte zum Besitz des Klosters bis zu dessen Aufhebung 1803 im Zuge der Säkularisierung. Manfred Klett hob die besondere Bedeutung der Klöster hervor: für die Etablierung einer Landwirtschaft aus einem christlichen Kulturimpuls heraus. Die biologisch-dynamische Landwirtschaft versuche hier anzuknüpfen. Der Dottenfelder Hof ist in diesem Sinne repräsentativ: hier lebt Landwirtschaft seit Jahrhunderten aus dem Geist eines größeren Ganzen. ///

Über den Autor / die Autorin

Silke Kirch

Silke Kirch

Dr. Silke Kirch ist promovierte Geisteswissenschaftlerin, Lebens- und Sozialkünstlerin und lebt zusammen mit zwei Söhnen in Frankfurt am Main.

Schreiben Sie einen Kommentar