Anthroposophie: Einfach mal durchlüften!

Einfach mal durchlüften. Foto: © anotherworld - Fotolia.com / Info3 Verlag 2018
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Wie lässt sich die Anthroposophie in unserer Zeit aktualisieren? Ist sie eher Lehrgebäude oder Methode? Ein Diskussionsbeitrag.

Kann man Anthroposophie erneuern, verjüngen, weiterentwickeln? Um mit dieser Frage sinnvoll umzugehen, brauchen wir zunächst ein Bild davon, was Anthroposophie überhaupt ist. Sehen wir Anthroposophie als den Gesamtkorpus dessen, was Rudolf Steiner an Gedanken, Erkenntnissen und Gesichtspunkten hinterlassen hat und was in Vortragsmitschriften und seinen eigenen Schriften niedergelegt ist? Wenn es das ist, dann kann Anthroposophie weder verjüngt noch erneuert werden. Denn wer könnte sich anmaßen, auf der gleichen Ebene und mit der gleichen Vollmacht wie Steiner neue Einsichten einzubringen?

Wenn Anthroposophie aber eher als Methode gesehen wird, die Phänomene dieser Welt unter einem geistigen Gesichtspunkt anzusehen, dann könnte es eine Weiterentwicklung geben. Aber ist es dann noch Anthroposophie?

Im Selbstverständnis vieler Anthroposophen ist ihre Weltanschauung ein Reservoir an Erkenntnissen Steiners, an die sie glauben, und auch für Außenstehende erscheint sie als eine Sammlung höchst interessanter, manchmal skurriler „Aussagen“. Nun scheint mir, dass Anthroposophie als Glaubensgemeinschaft keine fruchtbare Zukunft haben wird: Man glaubt einer Aussage, weil sie Steiner getan hat. Sind wir so unmündig? Auf einiges kann man selbst kommen, wenn man von einem geistigen Menschenbild ausgeht, auf den Reinkarnationsgedanken zum Beispiel. Steiners Ausführungen hierzu sind natürlich höchst wertvoll. Sie geben dem menschlichen Leben, der Biographie des Menschen, einen tieferen Sinn. Mit anderen Aussagen Steiners kann nicht jeder, auch nicht jeder Anthroposoph etwas anfangen. Soll man sie dennoch „glauben“? Oder – man kann es ja mal probeweise denken – ist manches für uns Heutige möglicherweise irrelevant?

Such-Bewegung statt Besserwissen

Anthroposophie hat meines Erachtens keine Zukunft, wenn sie sich in dem einmauert, was sie inhaltlich als Steiners Werk sieht. Durch Abgrenzung wird man unfruchtbar. Eine kleine Anekdote dazu: Vor einigen Jahren hatte ich einen Vortrag in Dornach über Jugend-Okkultismus zu halten. Der Vortrag enthielt neben vielen Rückgriffen auf Steiners Werk auch eigene Überlegungen von mir. Ein Zuhörer fragte hinterher: „Wo steht das bei Steiner?“ So eine Einstellung schreckt gerade junge Leute ab, lässt sie ratlos oder nur schulterzuckend zurück. Neues entsteht demgegenüber im Austausch in gegenseitigem Respekt, nicht durch Besserwissen und Festhalten am einmal Gewussten. Gerade jüngere Leute suchen meines Erachtens heute nicht fertige Antworten, schon gar nicht auf Fragen, die sie gar nicht gestellt haben. Sie geben einer Such-Bewegung mehr Autorität als einer Wissens-Bewegung. Anthroposophen treten oft so auf, als wüssten sie schon alles. Das lädt nicht zur Kommunikation ein.

Man könnte auf die Idee kommen, dass Anthroposophie gar nicht anders kann, als konservativ und festhaltend zu sein. Sie versteht sich als geschlossene Weltanschauung, das heißt, was auch immer geschieht und was auch immer der Fall ist, kann mit anthroposophischen Begrifflichkeiten erklärt und verstanden werden. Folglich: Wo sich Anthroposophie Gesichtspunkten öffnet, die über die bisherigen Begrifflichkeiten hinausgehen und die jenseits von Steiners Erkenntnissen liegen, wäre sie nicht mehr Anthroposophie.

Oder wir sehen es ganz anders: So wie Eltern mit der Zeit zurücktreten gegenüber dem Wirken ihrer Kinder, so tritt diese Weltanschauung mit der Zeit in den Hintergrund gegenüber dem, was sie impulsiert hat. Weltanhörung statt Weltanschauung – das könnte in die Zukunft gehen. Denn in der Anschauung haben wir vorgängig und schon immer bestimmte Kriterien für das Anschauen. Im Hören sind wir offener, Zuhören bringt mehr als das Aufsagen von Erkenntnissen, die ja übrigens selten eigene sind.

Ob wir Anthroposophie als geschlossenes, ein für alle Mal festgelegtes, allerklärendes System sehen wollen oder ob wir Öffnung und Austausch mit anderen Auffassungen suchen: In beiden Fällen wird die Weltanschauung wohl kein sehr langes Leben haben. Als geschlossenes System wird sie austrocknen, wird junge Leute abschrecken und ratlos machen. Als offenes System dagegen wird sie sich verlieren, wird ihre Identität als herausgehobene und abgesonderte Weltanschauung ablegen. Die Kinder wachsen irgendwann über ihre Eltern hinaus. Anthroposophie, so wie wir sie heute noch kennen, war deshalb nicht unbedeutend oder überflüssig. Aber sie war eventuell eine sinnvolle und möglicherweise notwendige Zeiterscheinung.

Änderung der Betrachtungsweise

Diese Überlegungen bedeuten nicht, dass Anthroposophie keine Zukunft hätte. Die Zukunft liegt meiner Ansicht nach in der Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen, ähnlichen wie unähnlichen, mit den modernen Realitäten, vielleicht „fremden“ Religionen. Zum Beispiel finde ich die Frage spannend: Was verbindet Anthroposophie und Buddhismus; noch spannender: Was verbindet Anthroposophie mit dem Islam. Was trennt? Kann man Überschneidungen sehen? Aus solchen Fragen kann etwas Neues entstehen, das nicht mehr klassische Anthroposophie ist, diese aber als einen ihrer „Elternteile“ enthält und weiterführt.

Natürlich ist die geschlossene Weltanschauung erst einmal hilfreich. Sie gibt Orientierung, manchem sogar Halt. Im selben Masse aber festigt sie und grenzt ab, bis dahin, dass man mit Außenstehenden gar nicht mehr auf Augenhöhe kommunizieren kann oder will. Geschlossene Systeme haben einen Ausschließlichkeitsanspruch. Auf dieser Grundlage lässt sich nicht mehr ergebnisoffen kommunizieren, nur noch mitteilen (oft in Form von Steiner-Zitaten). Ähnlich ist es mit den Religionen. Sie haben die Intoleranz erfunden.

Demgegenüber scheint es fruchtbarer zu sein, die einzelnen Weltanschauungen (auch die Religionen) jeweils wie ein Kunstwerk zu betrachten: Das kann höchst inspirierend sein und stimmig. Aber es gibt immer auch noch andere Kunstwerke, die auf ihre vielleicht ganz andere Art auch inspirierend und stimmig sein können. Wenn ich nur einem einzigen Kunstwerk anhänge, entgeht mir viel. Auf dem Weg dieser Auffassung – eine Weltanschauung wie ein Kunstwerk anzusehen – kommt man schmerzlos weg von „falsch“ und „richtig“, denn das eine Kunstwerk ist nicht richtiger als das andere. Und man gelangt zu der Frage, ob – beziehungsweise wie – die verschiedenen Kunstwerke zusammenhängen, sich vielleicht gegenseitig befruchtet haben oder befruchten können. Dieses Zueinander der verschiedenen Kunstwerke, also hier Weltanschauungen, ist dann so etwas wie ein Meta-Kunstwerk.

Omas Küchenmesser

Eine so sich verstehende anthroposophische Gemeinschaft ist nicht eine Gemeinschaft von Wissenden und Habenden, sondern eine Gemeinschaft von Suchenden – von Menschen, die mittels des methodischen Rüstzeugs der Anthroposophie (Meditation und selbstreflektierendes Denken) und mittels der sinnstiftenden Grundannahme eines geistigen Wesenskerns des Menschen ein eigenes Verständnis des Lebens anstrebt.

Rudolf Steiner hat uns meiner Ansicht nach überfordert. Das Kolossale seiner Ausführungen ist weithin nicht nachvollziehbar. Also sind wir zu eigenen, zeitgemäßen Wegen aufgerufen. Wenn Anthroposophie ein Wesen ist, wie Rudolf Steiner es in seiner hypostasierenden Denk- und Redeweise beschreibt, dann hat sie eine Entwicklung, einen Anfang, sie macht Metamorphosen durch, stirbt vielleicht auch in etwas Neues hinein.

Auf die Dauer wird es der Anthroposophie wahrscheinlich so gehen wie Omas Küchenmesser: Der Griff ist schon zwei Mal ausgewechselt worden, die Klinge schon drei Mal – aber für die Nachkommen ist es immer noch Omas Küchenmesser.

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Über den Autor / die Autorin

Mathias Wais

Mathias Wais

Mathias Wais war langjährig als Leiter einer Beratungsstelle in einem sozialen Brennpunkt im Ruhrgebiet tätig. Zahlreiche Buchveröffentlichungen. Er lebt heute als Autor in Worpswede und ist Mitglied im Beirat von info3.