Kälber an die Macht

Damit Kühe Milch geben, müssen sie regelmäßig ein Kalb zur Welt bringen. Was aber passiert mit dem Nachwuchs? Auch in der biologischen und biodynamischen Milchviehhaltung ist das ein eher dunkles Kapitel, für das erst langsam tiergerechte Lösungen entstehen.

Auch bei Besuchen auf Bio-Höfen ist das ein bekannter Anblick: Das Kälbchen wohnt im weißen Plastikiglu und hat gerade mal zehn Quadratmeter Platz zum Rumlaufen. Die Kühe stehen 20 Meter entfernt im Stall. Einzig das verzweifelte Muhen schafft eine Verbindung zur Herde. Es rührt ans Herz, wenn das Muttertier schlechthin – die Kuh – von ihrem Kalb getrennt wird. „Brutal“ nennen BesucherInnen auf den Höfen das, „rücksichtslos und ausbeuterisch“. Von den Bio-BäuerInnen erwarten KonsumentInnen, die sich immer mehr als Co-ProduzentInnen verstehen wollen, dass artgerecht oder gar wesensgemäß (wie es die biodynamische Wirtschaftsweise nennt) die naturgegebene, biologisch sinnvolle Mutter-Kind-Bindung respektiert wird.
Auch wenn inzwischen mehr Höfe auf mutter- und ammengebundene Aufzucht der Kälber setzen, wird auf der großen Mehrheit der über 31.000 deutschen Bio-Höfe, von denen viele Kühe halten, noch immer getrennt. Richtlinien dazu gibt es nicht, lediglich Empfehlungen für ein paar Tage gemeinsame Zeit für Kuh und Kalb beziehungsweise das Trinken am Euter. Die Entscheidung liegt bei den BäuerInnen. Manche nehmen das Kälbchen unmittelbar nach der Geburt von der Kuh weg. Sie argumentieren, wenn erst gar kein Kontakt aufgebaut werden kann, sei der Trennungsschmerz geringer. Andere erlauben 24 Stunden bis zu einigen Tagen im Mutter-Kind-Abteil. Manche gestehen im Gespräch durchaus zu, wie belastend das sehnsuchtsvolle Muhen zwischen Kuh und Kalb nach dem Trennen dann auf sie wirkt. „Die Beziehungsfähigkeit des Menschen bildet die wirkliche Basis für Tierschutz‘“, hat Nikolai Fuchs einmal gesagt, als er Leiter der Abteilung für Landwirtschaft am Goetheanum in Dornach war. Wer sich dem Tier gegenüber stellt und fragt „wer bist du, was brauchst du?“ entwickelt demnach eine wesensgemäße Form der Tierhaltung.

Den Kühen etwas zurückschenken

Mechthild Knösl vom Demeter-Hof Rengoldshausen am Bodensee hat sich schon 2006 entschieden, die Kälber bei den Müttern zu lassen. „Ich sehe, dass die Kühe schenken und schenken und schenken. Sie liefern uns Milch und Kälber, und tun das auch gerne, glaube ich. Klar geben wir Fürsorge und Futter zurück, aber mir war wichtig, auch die Kuh-Kalb-Beziehung zurückzuschenken. Mein Grundverständnis des Wesens Kuh ist, dass die Kuh lebt, um ihr Kalb aufzuziehen. Um ihr von diesem Urwillen, das zu tun, wenigstens einen Teil zurückzugeben, haben wir damals von Eimertränke auf muttergebundene Kälberaufzucht umgestellt“, erklärt sie. Und das Erstaunlichste für viele skeptische KollegInnen: Die Kälber sind seitdem viel gesünder, wachsen optimal und „stehen besser in der Welt“, zeigen weniger Verhaltensauffälligkeiten, integrieren sich stressfreier in die Herde. Die Umbaumaßnahmen waren nicht so aufwändig wie befürchtet und selbst die Milchleistung ist gar nicht so viel geringer. „Sogar der Zeitaufwand für diese Art der Aufzucht ist niedriger“, betont Mechthild Knösl.

Auf dem Hof Rengoldshausen bleiben die Kälber mit ihren Müttern acht Wochen in der Mutter-Kuh-Herde zusammen, kommen dann in den Kindergarten zu den anderen Kälbern und haben morgens und abends immer jeweils eine Mama-Stunde. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Treffen zwischen Kuh und Kalb vor dem Melken am besten funktionieren – trinken so viel das Kalb braucht, schmusen, belecken, spielen, und das für weitere vier Wochen. Im vierten Monat bekommt das Kalb dann nach und nach die Milch aus dem Euter anderer Mamas. Das entzerrt das Absetzen von der Milch und von der Mutter und schafft einen harmonischeren Übergang für das heranwachsende Tier. Mechthild Knösl hat nicht den Anspruch, dass die Trennung völlig schmerzlos für Mutter und Kind abläuft: „Aber es ist bei uns längst nicht mehr so dramatisch wie vorher. Ich verlange nicht, dass Tiere nie leiden, aber ich kann zu unserem System stehen und sagen, jetzt ist es gut.“ Wer will, meint Mechthild Knösl, kann seinen Milchkühen diese Elternzeit ermöglichen. Eine entsprechende Richtlinien wünscht sie sich von ihrem Verband Demeter nicht: „Das muss von innen kommen, Zwang durch Richtlinien will ich dafür nicht.“ Wer noch nicht so weit ist, diesen Weg zu gehen, verweist auf organisatorische Hindernisse, geringere Milch-Ausbeute, höheren Zeitaufwand – Leistungen, die nicht honoriert werden von den Molkereien beziehungsweise den KonsumentInnen.

Was verdient die Kuh wirklich? Mit dieser Frage sehen sich die Bio-LandwirtInnen konfrontiert, wenn sie die Abrechnung von der Molkerei bekommen und wenn sie ihre Tiere im Stall beobachten. Für viele Milchviehhalter gehört der Respekt vor dem Lebewesen zu ihrem Selbstverständnis. Aber auch der hohe Aufwand für die artgerechte Haltung, den wesensgemäßen Umgang, die Wiederkäuer-spezifische Fütterung mit Grünfutter, Heu und etwas Getreide vom eigenen Hof, die achtsame Herdenführung, das Sorgen für Tiergesundheit und bei den Demeter-BäuerInnen noch der größere Platzbedarf für die hörnertragenden Kühe sind Faktoren, die in die Rechnung einfließen müssen. Ludolf von Maltzan vom Ökodorf Brodowin in Brandenburg hat all das einmal durchgerechnet und unter dem Strich einen Preis für den Liter Milch von zwei Euro summiert. Das wären 25 Euro mehr im Jahr bei durchschnittlichem Milchkonsum pro Haushalt. Wer ist bereit, das zu bezahlen? Und vielleicht sogar noch etwas mehr, wenn der Blick auch noch zu den Bullenkälbern schwenkt.

Die männlichen Kälber aufziehen?

Denn auf den Milchviehbetrieben ist eigentlich allein der weibliche Nachwuchs interessant. Die männlichen Tiere aus der Nachzucht, also im Schnitt die Hälfte aller Kälber, passen nicht ins System. Nur die wenigsten können Zuchtbulle werden. Als Bullenkälber aus einer Milchviehzucht setzen die kleinen Rindviecher längst nicht so gut Fleisch an wie ihre Kollegen aus dem spezialisierten Mastbereich. Wo also bleibt die Verantwortung für diese Lebewesen? Eigentlich nicht akzeptabel, dass Bullenkälber aus Bio-Haltung in die konventionelle Mast „abgeschoben“ werden. Bei Demeter ist es zumindest langfristiges Ziel, alle Kälber mit ihren Hörnern auf Demeter- oder Biohöfen aufzuziehen. Pressesprecherin Susanne Kieler räumt jedoch ein: „Leider können wir dies zurzeit nicht zu hundert Prozent gewährleisten.“ Die Mast funktioniere am ehesten in Kombination mit regionaler Direktvermarktung. Der Verband helfe Milchbauern, die keine Strukturen zur Direktvermarktung haben, lokale Kooperationen aufzubauen. Mit dem Handel würden Konzepte erarbeitet, wie „Geschwisterkälber“ vermarktet werden können. Um durchgehende alternative Strukturen zu entwickeln, brauche es jedoch Zeit. „Wir arbeiten daran, Mastställe aufzubauen, Kunden zu gewinnen und einen fairen Milchpreis zu erzielen, der den Betrieben diese Weiterentwicklung erlaubt“, sagt Kiebler. Die Logik dahinter: Wer Bio-Milch will, muss ab und zu auch Bio-Rindfleisch kaufen.

Kultureller Tauschhandel

Alexander Zulic vom Hottenlocher Hof zwischen Donau, Bodensee und Hegau hat sich als biodynamischer Milchbauer für seinen eigenen Weg entschieden: „Bei uns werden auch die Bullenkälber der Milchkühe großgezogen und zu hochwertigen Fleisch- und Wurstwaren verwandelt.“ Ihm ist wichtig, dass kein Kalb den Hof verlässt, schmerzhaft enthront und einem ungewissen Schicksal in fernen Mastställen überlassen wird. „Alle Kälber dürfen bei uns an der Mutterkuh oder am Euter der Amme trinken“, beschreibt Zulic die erste Etappe eines Prozesses, den er als kulturellen Tauschhandel versteht. Er kommt mit seinen Kunden darüber regelmäßig ins Gespräch, nicht zuletzt an der Theke der Metzgerei, den die Hottenlocher in Konstanz betreiben. Da zeigt sich dann, wer bereit ist, für gutes Fleisch nach einem guten Tierleben gutes Geld hinzulegen. „Dabei können wir die eigentlich notwendige Wertschöpfung über das Kalbfleisch gar nicht erzielen“, rechnet Alexander Zulic vor. Schließlich trinkt jedes Kalb mindestens tausend Liter Milch, die auf der Abrechnung der Molkerei dann natürlich fehlen. Für ein 120 Kilo schweres Kalb seiner wenig masttauglichen Schwarzbunten Rinder erzielt Zulic gerade mal 7,50 Euro pro Kilo, obwohl rein kalkulatorisch neun Euro nötig wären. Für einen Ochsen mit seinen 300 Kilo kann er mit fünf Euro pro Kilo vom Metzger rechnen. Aber da hilft keine Rechnerei, sondern nur die tiefe Überzeugung, dass auch das männliche Tier im Hoforganismus mit Nutzierhaltung, Fortpflanzung und Lebensmittelerzeugung dazugehört. Und die KonsumentInnen, die sich sowohl durch Hintergrundinformation, eigenes Erleben und Mitfühlen mit Bauer und Tier für den Kauf der daraus gewonnen Lebensmittel entscheiden. ///

Ein Artikel aus der Ausgabe 5/219 der Zeitschrift info3.

Über den Autor / die Autorin

Renée Herrnkind

Renée Herrnkind