Der Mann, der Waldorfpädagogik möglich machte

Die Waldorf-Gründungsväter Emil Molt und Rudolf Steiner

Im Jahr 1919 wurde in Stuttgart der Grundstein der Waldorfpädagogik gelegt – maßgeblich durch den Einsatz des Unternehmers Emil Molt. Ein Blick in die Gründungsgeschichte.

Dass es heute Waldorfpädagogik gibt, hat ausgerechnet mit dem Rauchen zu tun. Denn die Waldorfschule geht zentral auf die Tatkraft des Stuttgarter Zigarettenfabrikanten Emil Molt zurück. Wer war dieser Mann?

Dietrich Esterl, selbst Schüler der Stuttgarter Waldorfschule, beschreibt Molt in seiner 2012 erschienenen Biographie als originellen Querdenker, der seine Ziele auch gegen große Widerstände durchzusetzen wusste. Molt war Schulfreund Hermann Hesses in Calw, verlor früh beide Eltern, kam in einer Pflegefamilie mit der Wirtschaftswelt in Berührung und wurde bald selbst ein junger Unternehmer, einsam und weltoffen zugleich. Seit 1902 gehörte er zusammen mit seiner Frau Berta dem Umkreis Rudolf Steiners an. Zur selben Zeit gelang es Molt, gleichberechtigter Partner der Waldorf Astoria Cigarettenfabrik zu werden und mit 30 Jahren zum Direktor einer Firma mit Weltruf aufzusteigen. Frühzeitig organisierte Molt, inspiriert von der Anthroposophie, in seiner Fabrik Kurse für seine Angestellten im Rahmen einer Arbeiter-Bildungsschule und schuf mit seiner Hauszeitschrift Waldorfnachrichten ein eigenes PR-Organ. Als erfahrener und auch an Kontakten reicher Unternehmer übernahm Molt wichtige Aufgaben bei der Finanzierung des seit 1912 entstehenden Goetheanum-Baus im Schweizerischen Dornach. Er stand dadurch in engem Arbeitskontakt zu Rudolf Steiner, dem er später für seine Fahrten zwischen Dornach und Stuttgart auch einen Mercedes mitsamt Chauffeur organisierte. 

Kriegsende, Dreigliederung und freie Schule

Zu diesen Eckpunkten kommt mit dem Weltkriegs-Fiasko ein weiterer entscheidender Faktor hinzu: Es ist Steiners gesellschaftspolitisches Engagement unter dem Motto der Dreigliederung des sozialen Lebens. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Leitideen einer modernen Gesellschaft müssten neu geordnet werden, so Steiner. Nur bei einer entsprechenden Gliederung könne sich der soziale Organismus in seinen drei Grundbestandteilen heilsam entfalten: nach dem Prinzip der Brüderlichkeit das Wirtschaftsleben, nach dem Grundsatz der Gleichheit das Rechtsleben und nach der Idee der Freiheit das Geistesleben. Schon seit Herbst 1917 hatte Molt von Bemühungen Steiners erfahren, den Neuaufbau der zusammenstürzenden Ordnung durch Kontakte mit führenden Politikern mitzugestalten. Am 9. November 1918, dem Tag des Waffenstillstands und der Ausrufung der Republik, hörte Molt in Dornach einen Vortrag Steiners, in dem jener seine Zuhörer dazu aufrief, nun wach für das zu sein, was die Zeitverhältnisse von jedem Einzelnen verlangten. „Tun, was die Verhältnisse fordern“ lautete das Motto Steiners, das Molt wie für sich persönlich gesprochen aufnahm. Das passende Anwendungsfeld ließ nicht lange auf sich warten.

Denn zum Prinzip der Freiheit des Geisteslebens gehört im Sinne der Dreigliederung ganz wesentlich ein vom Staat unabhängiges Erziehungswesen. Die Initialzündung einer eigenen Schul-Idee traf Molt schon früher in den Wirren des inzwischen eingetretenen deutschen Zusammenbruchs während eines Gesprächs mit einem Firmen-Angestellten: Einer seiner Mechaniker hatte Molt strahlend erzählt, dass das Kind eines einfachen Zigarettenstopfers das Abitur geschafft habe – damals eine große Ausnahme. Molt wurde klar, dass eine „Einheitsschule“ ohne soziale Selektion fehlte. In der ihm vorschwebenden Schule sollte „nicht nur der Sohn und die Tochter des Begüterten, sondern auch die Kinder des einfachen Arbeiters in die Lage versetzt werden, diejenige Bildung sich anzueignen, die heute notwendig ist zum Aufstieg zu einer höheren Kultur“, wie er selbst später bei der Eröffnung der Schule formulieren sollte. 

Ein weiterer Aspekt war Molt aber ebenso wichtig – die politische Dimension: Im Januar 1919 hatte Molt in Dornach mit Steiner intensive Gespräche darüber geführt, wie man in Deutschland für die Idee der Dreigliederung aktiv werden könnte. Der anschließend von den „Dreigliederern“ initiierte „Aufruf an die Kulturwelt“ und die beginnende Vortragstätigkeit Steiners vor Arbeitern großer Industriebetriebe wurde maßgeblich von Molt und seinen Kontakten in die Wirtschaftswelt ermöglicht. In den dramatischen Diskussionen um die zukünftige Verfassung in Weimar sollte eine freie Schule als funktionierendes Beispiel für ein vom Staat unabhängiges Geistesleben dienen.

Ein Unternehmer spielt Schicksal

Molt bezeichnet in seinen Erinnerungen den 23. April 1919 als „eigentlichen Geburtstag“ der Waldorfschule. An diesem Tag kam es zu einem „Gründungsgespräch“ zwischen ihm, Rudolf Steiner sowie den späteren Lehrern Karl Stockmeyer und Herbert Hahn. Das Treffen fällt auf denselben Tag, an dem Steiner auch einen Vortrag vor den Waldorf Astoria-Arbeitern über gesellschaftliche Neugestaltung hielt. An dessen Ende hatten die Arbeiter eine Resolution an die Württembergische Landesregierung verfasst mit dem Inhalt, Rudolf Steiner solle als Berater in die Regierung berufen werden. Die Petition hatte keinen Erfolg. Steiner wurde kein Politiker, wohl aber schon bald darauf Leiter der Waldorfschule. Molt stellte zunächst 100.000 Mark Startkapital für das Projekt zur Verfügung – „ein ganz netter Betrag“, wie Steiner lakonisch kommentierte.

Eine große Schwierigkeit blieb aber noch: Wie sollte der rechtliche Rahmen für eine Privatschule aussehen? Hier kam eine glückliche Verbindung zur Stuttgarter Regierung und dem neuen Kultusminister Heymann von der SPD ins Spiel. „Heymann hat wohl aus seiner eher sozialistischen Haltung Sympathien für Molts Ansatz einer Schule für Arbeiterkinder gehabt“, meint Molt-Biograph Dietrich Esterl. Heymann kramte aus den Archiven ein Gesetz von 1836 hervor, das private Schulen erlaubte und es der neu zu gründenden Schule gestattete, die Lehrer selbst auszusuchen. Bereits am 13. Mai erteilte Heymann die Genehmigung – für eine Waldorfschule, die noch nicht einmal im Ansatz vorhanden war.

Auch das passende Gebäude fehlte noch. Vierzehn Tage nach der Genehmigung, am 30. Mai, besichtigten Molt und Steiner das gerade zum Verkauf anstehende Ausflugslokal Zur Uhlandshöhe am Rande Stuttgarts. Steiner gefielen Haus und Grundstück und Molt kaufte die Immobilie umgehend für 450.000 Reichsmark aus seinem Privatvermögen. „Das war damals ein glückliches Zeitfenster – denn kurze Zeit später wäre der Ankauf wegen der einsetzenden heftigen Inflation wohl kaum noch möglich gewesen“, erklärt Dietrich Esterl. Molt bezahlte auch den nötigen Umbau. Rechtlich gesehen war zu Beginn die Waldorfschule Teil der Waldorf-Astoria Fabrik, die LehrerInnen waren Angestellte der Firma. Die Waldorf-Astoria übernahm auch das Schulgeld für die Kinder der Arbeiter. Kein Zweifel: Molt ist die treibende Kraft und der eigentliche Vater der Waldorfschule. Aber schon im Frühjahr 1920 gründete er den Waldorfschulverein als Wirtschaftsträger und trennte eine allgemeine, sogar internationale Zielsetzung von dem individuellen Unternehmen in Stuttgart. 

Waldorfschule ohne Waldorflehrplan

Trotz glücklicher äußerer Vorbedingungen war von dem pädagogischen Konzept „Waldorfschule“ kurz vor der Eröffnung noch nichts zu sehen. „Steiners eigene Vorstellungen gingen zunächst eher in Richtung einer Realschule, wie er sie selbst in Österreich erlebt hatte“, meint Esterl. Einen speziellen Waldorf-Lehrplan gab es noch nicht. Die später so waldorftypischen Elemente wie etwa Haupt- und Epochenunterricht oder das Formenzeichnen waren noch nicht in Sicht. Molt und Steiner hatten im April den Anthroposophen und Lehrer Karl Stockmeyer gebeten, einen ersten Lehrplan zu skizzieren und nach geeigneten Lehrkräften Ausschau zu halten. Waldorfpädagogik wurde in der Praxis entwickelt.

Im August 1919 trat in Deutschland die neue Weimarer Verfassung in Kraft. Vom 21. August bis zum Ende der ersten Septemberwoche hielt Steiner nun ganztätig in Stuttgart jene Vorträge, die bis heute als Grundlage der Waldorfpädagogik gelten. Innerhalb weniger Tage kamen sturzgeburtsartig die aus der Anthroposophie entwickelten Leitlinien einer künftigen Pädagogik zur Welt: morgens lehrte Steiner Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, mittags gab er konkrete didaktische Anregungen und am späteren Nachmittag noch Seminarbesprechungen. Anwesend war das künftige Kollegium – insgesamt kaum mehr als ein Dutzend Zuhörer, dazu einige wenige Gäste und natürlich Emil Molt mit seiner Frau Berta. Am 7. September schließlich wurde die Waldorfschule feierlich eröffnet – für Steiner nicht weniger als eine „Kulturtat“, für Molt gleichzeitig der „Höhepunkt seines Lebens“. ///

Der Name „Waldorf“ – eine Zigarettenmarke steht Pate

Der Name „Waldorf“ geht auf den Deutschen Johann Jakob Astor zurück, der im 18. Jahrhundert aus Walldorf in Baden (mit Doppel-L) nach Amerika auswanderte und dort als erfolgreicher Unternehmer zum reichsten Mann seiner Zeit wurde. Seine Nachkommen gründeten das berühmte Waldorf-Astoria Hotel in New York an der Fifth Avenue und das gleichnamige Zigaretten-Imperium. Die Hamburger Zigarettenfabrikanten Marx und Müller übernahmen Anfang des 20. Jahrhunderts die Markenrechte für Deutschland. Emil Molt beteiligte sich als gleichberechtigter Partner an der neu gegründeten Waldorf-Astoria Company Hamburg-Stuttgart. 1906 wurde er Direktor des Unternehmens und entwickelte Waldorf Astoria zu einer Zigarettenfirma mit Weltruf. „Den Tabak empfand ich nicht als eine Handelsware, sondern als etwas Poetisches“, hielt Molt einmal fest. Zeit seines Lebens sorgte er dafür, dass das Stuttgarter Lehrerkollegium ausreichend mit Zigaretten versorgt war. 

Dieser Artikel erschien in der Schwerpunktausgabe 100 Jahre Waldorfpädagogik der Zeitschrift info3. Hier das Themenheft bestellen.

Buchtipp:

Dietrich Esterl: Emil Molt. Tun, was gefordert ist. Die Biographie. 344 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag, € 10,-.

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.