„Islamisierung“: Interessiert euch!

Interessiert euch! - Zeitschrift Info3, Oktober 2018. © Info3 Verlag
Interessiert euch! - Zeitschrift Info3, Oktober 2018. © Info3 Verlag

Wie wir das Gespenst der angeblichen Islamisierung vertreiben und zu einem aufgeschlossenen Miteinander finden können.

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Islamisierung. Ein Scheingebilde aus Fetzen von Angst, Projektionen, Halbwissen und nicht selten Hass. Nicht die dramatischen Klimaereignisse, nicht die explodierenden Mieten, nicht drohende Armut im Alter sind die Fragen unserer Zeit, das omnipräsente Thema ist der Islam. Ohne das Feindbild Islam wäre die AfD nie in deutsche Parlamente eingezogen und würde über Flüchtlinge viel sachlicher debattiert. Stattdessen werden „Überfremdung“ und „Kontrollverlust“ mit Verweis auf ein imaginäres muslimisches Kollektiv beschworen. Die AfD hetzt gegen „islamische Horden“; „Umvolkung“ heißt das in der Sprache von Götz Kubitscheks Antaios Verlag, Thilo Sarrazin spricht von „feindlicher Übernahme“ und die „Erklärung 2018“ von „unkontrollierter Masseneinwanderung“. Mit verschwörungsgläubigem Wissen über den finsteren George Soros versetzt, der Kanzlerin Merkel angeblich die große Invasion aufzwingt, raunen solche Kriegsmetaphern dann hunderttausendfach durchs Internet.

Dabei dachten wir doch bis vor Kurzem, die Aufklärung mit ihren Idealen von Toleranz und Vielfalt wäre gesellschaftlich nicht mehr umkehrbar. Hatte sich nicht schon Friedrich der Große die Religionsfreiheit auf die Fahnen geschrieben? Diese Werte sind immer noch das, was auch von den „Besorgten“ eingefordert werden muss. Aber der Diskurs der Aufklärung mit seiner auf Vernunft und Dialog setzenden, „weichen“ Struktur erweist sich leider nicht selten als machtlos gegenüber der Nachtseite des Lebens, wo andere Elemente mit dunklerer Energie herrschen: Gefühle, Empfindungen, Instinkte. Viele Menschen haben Angst vor dem Islam und reagieren abwehrend, denn sie kennen nicht ihn, sondern seine gewalttätigen und intoleranten Zerrbilder. Direkte menschliche Kontakte gibt es kaum, weil das Interesse gering ist. Das Ungewohnte in Aussehen und Verhalten tut sein Übriges.

Gemeinsame religiöse Wurzeln

Veränderung durch Begegnung lautet die mögliche Formel. Erst wenn man selbst Muslime kennenlernt, erhält das befremdende Bild eines Kollektivs durch die Eindrücke individueller Menschen Risse. Ein wichtiges Feld von Begegnung und gemeinsamem Interesse ist dabei die Religion, obwohl man gerade sie vom Habitus her zunächst oft für besonders fremd halten mag. Weitgehend unbekannt und ungenutzt ist der Bestand gemeinsamer religiöser Werte von Muslimen und Christen. Christen und Muslime (und selbstverständlich auch Juden) verbindet die weltumspannende Geschichte des Monotheismus, die weit über den Rahmen des Religiösen hinaus prägend gewirkt hat. Wir alle sind Abrahams Kinder. Aber auf Seiten von uns christlich Sozialisierten gibt es kaum Kenntnis darüber, dass Christentum und Islam ja tatsächlich einen Großteil ihrer Überlieferung teilen: die Propheten der Bibel sind für Muslime ebenso verbindlich, vor allem die Gestalten von Abraham und Moses, Hiob und andere große Figuren werden verehrt. Doch auch viele Muslime wissen nichts von den Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum.

Und doch teilen beide Religionen den Glauben an den einen Gott, an seine Barmherzigkeit und daran, dass Er am Ende aller Tage Gerechtigkeit wird walten lassen. Viele Christen wissen darüber hinaus nicht, dass der Islam auch Jesus mit Hochachtung begegnet und dass seine Mutter Maria hohes Ansehen genießt. Freilich wird Jesus im Koran als Prophet verehrt (arabisch heißt er Isa) und der Islam lehnt die Vorstellung ab, dass er Gottes Sohn sei (was Jesus selbst übrigens auch nicht von sich behauptet hat). Auch hat Gott nach muslimischer Überzeugung seinen Propheten Isa/Jesus vor der drohenden Kreuzigung bewahrt und die Römer getäuscht, die dann einen anderen hingerichtet haben.
Trotz dieser und anderer tiefgreifender Unterschiede (die aber ja gerade den Ton in der Musik des Religiösen machen) ließe sich in der Besinnung auf die Gemeinsamkeiten doch eine wetteifernde Toleranz im Sinne Lessings praktizieren, die in echter Ergebenheit Gott das letzte Wort überlässt.

Laboratorien der Begegnung

Die Grundlage für ein solches mitfühlendes Verständnis wird freilich in einer immer mehr religionsfernen Mehrheitsgesellschaft zusehends schmaler. Dem weitgehend areligiösen Osten, der außerdem Zuwanderung bisher praktisch nicht kannte, ist religiös geprägtes Verhalten ohnehin häufig fremd und vielleicht auch ein Stück weit verdächtig. Umgekehrt liegt gerade hier eine der wichtigsten Lernmöglichkeiten in der Begegnung mit dem Islam: auch unter den Vorzeichen einer säkularen Gesellschaft die Bedeutung des Religiösen und den Wert des Heiligen wieder neu schätzen zu lernen – Religiosität als gelebtes Beispiel für Werte, die über das rein persönliche Befinden hinausgehen und hohe intersubjektive Verbindlichkeit haben.

Viel zu wenig bekannt ist darüber hinaus die Vielfalt philosophischer Strömungen im Islam, die übrigens häufig die gleiche Quelle haben wie das sogenannte abendländische Denken – Aristoteles vor allem. Nicht nur nehmen wir im Westen „den“ Islam viel zu monolithisch wahr. Wir wissen auch praktisch nichts über die seit dem 19. Jahrhundert aufgekommenen Reformversuche, die Vorstöße islamischer Denker für die Gleichberechtigung von Frauen, Gewaltlosigkeit und gesellschaftliche Erneuerung. Wer hat denn beispielsweise schon davon gehört, dass der geistige Vater Pakistans, Muhammad Iqbal, in Deutschland studierte und Werke über Hegel und Nietzsche verfasste?

Goethes Ost-Westlicher Diwan ruft nach einer Metamorphose in unserer Zeit, nach Foren, welche die Gemeinsamkeiten des Islam mit dem Westen stärker suchen als die Unterschiede, das Verbindende mehr als das Trennende. Das von Ibrahim Abouleish initiierte Sekem-Projekt in Ägypten ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie es gelingen kann, auch die Wirksamkeit eines Navid Kermani in Deutschland hat auf ihre Art Vorbildcharakter. Interreligiöse Orte, Laboratorien der Begegnung und Medienformate des Brückenschlags sind schon vielfach im Entstehen. Es braucht viele Anfänge!

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Dr. Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie, Promotion zum Dr. phil. an der Universität Bochum.Tätigkeit in der anthroposophischen Heilpädagogik, in der Erwachsenenbildung und als Historiker. Seit 1995 verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Info3, Verleger im Info3 Verlag, Buchautor.