Frauensiedlung Loheland: Selbstbestimmt in Bewegung

Keramik aus Loheland. Foto: ©info3

Zeitgleich mit dem Bauhaus und den Waldorfschulen feiert 2019 auch die anthroposophische Frauensiedlung Loheland in der Rhön ihr 100-jähriges Bestehen.

Der Aufbruch in die Moderne war weiblich – zumindest in der Rhön. Ziemlich versteckt im Wald nahe Fulda gründeten Hedwig von Rohden (1890 – 1987) und Louise Langgaard (1883 – 1974) hier im Jahr 1919 mit einigen jungen Frauen die „Loheland Schule für Körperbildung, Landbau und Handwerk“. Kennengelernt hatten sie sich 1912 am Gymnastik-Seminar in Kassel, wo sie gemeinsam eine eigene Lehrmethode entwickelten. Inspiriert durch das anthroposophische Menschenbild – Langgaard hatte bereits 1908 in Dresden Rudolf Steiner getroffen und war 1913 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden – wollten die beiden Frauen eine Ausbildungsstätte aufbauen, die neben der körperlichen auch die geistige und seelische Beweglichkeit schult. Nach verschiedenen Zwischenstationen fanden sie ein rund 45 Hektar großes, teilweise bewaldetes Grundstück in der Rhön, das ihnen für den Aufbau einer Siedlung geeignet schien. Zur Schule gehörten ein landwirtschaftlicher Betrieb, der ab 1927 als einer der ersten in Deutschland nach biologisch-dynamischen Grundsätzen arbeitete, sowie mehrere nach und nach aufgebaute Werkstätten. Tischlerei, Töpferei oder auch Weberei sicherten die Selbstversorgung der Bewohnerinnen und trugen dank erfolgreicher Vermarktung der hergestellten Produkte zur Finanzierung der Siedlung bei – vor allem aber eröffneten sie wichtige Praxisfelder für die ganzheitliche Ausbildung der Schülerinnen.

Aufbau aus dem Nichts

„Die beiden Gründerinnen haben hier unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg auf einem lehmigen Acker einfach angefangen – ohne große Vorplanung, ohne Geld und auch ohne entsprechende Expertise“, unterstreicht Elisabeth Mollenhauer-Klüber den Wagemut der Gründerinnen. Die Leiterin des Loheland-Archivs betreut das Erbe der Siedlung seit 2004 – überwiegend ehrenamtlich, mit begrenzten Mitteln und hohem persönlichen Einsatz. Aufbauend auf dem damals als Privatarchiv der Loheländerin Antje Harcken bezeichneten Bestand hat sie nicht nur die umfangreichen überlieferten Unterlagen, Fotografien und unterschiedlichste Gegenstände gesichtet und katalogisiert, sondern auch die wissenschaftliche Erforschung Lohelands vorangetrieben. „In anderen, vergleichbaren Siedlungsprojekten wie etwa der Gartensiedlung Hellerau bei Dresden wurden mit großem zeitlichen Vorlauf Pläne erstellt, Höhenlinien erfasst, komplex verschränkte Verträge unterzeichnet. Davon konnte hier keine Rede sein“, so Mollenhauer-Klüber weiter. Auch die Planung der Wohn- und Unterrichtsgebäude sowie der Aufbau der Werkstätten erfolgte in Eigenregie: „Die Frauen waren auf vielen Gebieten Autodidaktinnen, die sich ganz gezielt die nötigen Grundlagen aneigneten und dabei erstaunlich schnell ein professionelles Niveau erreichten.“

Ganz im Sinne der damaligen Reformbewegungen setzten Langgaard und von Rohden auf Bewegung als Mittel zur Befreiung aus gesellschaftlichen Konventionen und als Grundlage einer umfassenden Persönlichkeitsbildung. Gymnastik bedeutete ihnen mehr als nur Körperschulung: Sie betrachteten sie als Weg, die sinnliche Wahrnehmung auszubilden, Rhythmusgefühl zu entwickeln und sich auf diese Weise in Bezug zur eigenen Umwelt zu setzen. Alles „Anerzogene“ sollten sich die Schülerinnen abgewöhnen, „Vorurteile und alles Bürgerliche“ abstreifen, erklärte Louise Langgard 1926 einem angereisten Reporter, denn: „Eine neue Generation Weib soll bei uns ihren Ursprung haben.“ Das waren starke Worte in einer Zeit, in der die Avantgarde zwar das Leitbild der „Neuen Frau“ ausgerufen hatte, die realen gesellschaftlichen Spielräume für Frauen aber noch durchaus übersichtlich waren. „Zentral für den Sozialimpuls und die Pädagogik in Loheland war der Anspruch, die Schülerinnen zukunfts- und handlungsfähig zu machen“, betont Elisabeth Mollenhauer-Klüber. Die jungen Mädchen und Frauen erhielten in zwei Jahren nicht nur eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin, sondern arbeiteten auch in den Werkstätten – Grundlage für eine spätere berufliche Selbstständigkeit und eine auch wirtschaftliche Unabhängigkeit von der Rolle als Ehefrau und Mutter. Und anders als etwa am zeitgleich gegründeten Bauhaus, dessen Studentinnen und Lehrerinnen schon bald wieder in ihren anfangs in Aussicht gestellten Wahl- und Aufstiegsmöglichkeiten eingeschränkt wurden, hatten in Loheland Frauen das Sagen. Das galt auch für die Werkstätten, die nahezu alle von Frauen geleitet wurden und in denen die Schülerinnen zusätzliche Berufsabschlüsse erwerben konnten. Es gab eine Handvoll männliche Mitarbeiter und Schüler, doch diese bildeten die Ausnahme und spielten keine prägende Rolle.

Gestaltung auf hohem Niveau

Die Produktion anspruchsvoll gestalteter, kunsthandwerklicher Produkte entwickelte sich außerordentlich erfolgreich: Bereits 1925, also gerade einmal sechs Jahre nach der Gründung, standen Loheland-Produkte im deutschen Pavillon auf der zweiten Internationalen Kunstgewerbe-Ausstellung im italienischen Monza. Keramik und Stoffe, Lederwaren oder Möbel aus Loheland galten als herausragende Beispiele zeitgenössischer Gestaltung – und das, obwohl die verantwortlichen Frauen ursprünglich keine Designerinnen, sondern ausgebildete Gymnastikerinnen und Tänzerinnen waren. Wie war das möglich? „Ich bin überzeugt, dass diese Art der gymnastischen Schulung in Loheland eine Grundausbildung in ästhetischer Bildung war“, erläutert Elisabeth Mollenhauer-Klüber. „Und dann war da dieser starke Wille, die Dinge zum Punkt zu bringen, erfolgreich zu sein. Die Frauen haben von Anfang an ein gewisses Qualitätsniveau angestrebt und eben auch erreicht.“
Grundlegend für den wirtschaftlichen Erfolg der Siedlung war auch das ausgeprägte Bewusstsein dafür, wie wichtig professionelles Marketing ist. Ein entscheidender Faktor war in diesem Zusammenhang die schon früh betriebene fotografische Dokumentation und Werbefotografie, die ab 1926 eine eigene „Lichtbildwerkstatt“ übernahm. Deren Leiterin, die Österreicherin Valerie Wizlsperger, war ursprünglich als Hauswirtschaftslehrerin nach Loheland gekommen, durchlief aber zusätzlich die Gymnastikausbildung. „Das wurde allen nahegelegt, die kamen – auch dann, wenn sie schon eine Berufsausbildung hatten“, erklärt Mollenhauer-Klüber. „Das braucht der Mensch, waren die Gründerinnen überzeugt. Wizlsperger hatte dann offenbar Lust zu fotografieren. Sie ließ sich von einem verwandten Fotografen die Grundlagen erklären, Loheland stattete sie mit der neusten Technik aus und los ging‘s. Quasi von jetzt auf gleich entstanden großartige Bilder, die zwar eindeutig die Handschrift der damals aufkommenden Neuen Sachlichkeit tragen, aber dennoch eine eigene künstlerische Prägung zeigen.“

Doggenzucht, undogmatisch

Der exotischste Wirtschaftszweig Lohelands war wohl die Doggenzucht, die Hedwig von Rohden betrieb. Das erste Tier kam 1927 nach Loheland, als Geschenk von Louise Langgaard für Hedwig von Rohden. „Die Geschichte ist bezeichnend“, findet Elisabeth Mollenhauer-Klüber. „Am Anfang stand vermutlich einfach der Wunsch, einen Hund zu haben, aber in kürzester Zeit baute von Rohden das Ganze professionell aus und begründete einen Doggen-Zwinger, mit dem sie schon wenige Jahre später auf allen internationalen Wettbewerben Preise abräumen konnte.“ Mehrere Hunde wurden zu horrenden Preisen in die USA verkauft, eine sogar an den Bürgermeister von New York. Zu den immer wieder fasziniert kolportierten Mythen rund um Loheland gehört auch das Gerücht, die Doggen des Loheländer Zwingers seien vegetarisch ernährt worden. Elisabeth Mollenhauer-Klüber lacht, als wir darauf zu sprechen kommen: „Ich glaube, diese Geschichte wurde mal von einer Journalistin in die Welt gesetzt, es gibt dafür keine eindeutigen Belege. So etwas passt eigentlich auch gar nicht zur undogmatischen Haltung der Loheländerinnen.“
Und das ist vielleicht einer der beeindruckendsten Aspekte an Loheland: Trotz der abgeschiedenen Lage und der engen Bezüge zur Anthroposophie waren die Bewohnerinnen alles andere als weltfremd oder sektiererisch. Sie waren bestens vernetzt und standen in Austausch mit anderen zeitgenössischen Initiativen – und entwickelten dennoch auf höchst eigenständige Weise einen Sozialraum, der Frauen Gestaltungsspielräume öffnete, die auch hundert Jahre später noch beispielhaft wirken.

Diesen Artikel finden Sie in unserer Juni-Ausgabe von info3, in der es viele bereichernde Texte zum Thema Gender zu lesen gibt.

Bis zum 05. Januar 2020 ist die Ausstellung Loheland 100 im Vonderau Museum in Fulda zu bewundern.

Über den Autor / die Autorin

Laura Krautkrämer

Laura Krautkrämer

Info3-Redakteurin seit 2009. Verantwortet seit 2011 den wöchentlichen Newsletter Info3-Bewegungsmelder, der Nachrichten rund um Anthroposophie, Waldorfpädagogik und andere Praxisfelder zusammenstellt und kommentiert. Als freie PR-Texterin und -Beraterin ebenfalls im anthroposophischen Umfeld tätig.