Juni 2018 Zeitschrift Info3

Eigentum: Sich selbst gehörende Unternehmen sind im Vorteil

Eigentum: Sich selbst gehörende Unternehmen Armin Steuernagel ©info3
Fördert neue Formen von Eigentum: Armin Steuernagel. Foto: © privat

Armin Steuernagel war schon als Jugendlicher unternehmerisch aktiv und gründete mit 16 Jahren den Versandhandel „Waldorfshop“. Heute unterstützt er im Rahmen der Purpose-Stiftung Unternehmen dabei, „sich selbst zu gehören“.

 

Wann haben Sie angefangen, anders über Eigentum an Unternehmen nachzudenken?

Die Kopplung von Unternehmerschaft und Eigentümerschaft war mir schon in meinen ersten Projekten ganz wichtig, deshalb habe ich auch damals als 16-Jähriger beim Vormundschaftsgericht durchgesetzt, dass ich selbst Eigentümer meines Unternehmens sein konnte und nicht meine Eltern. Als ich dann das zweite Unternehmen gegründet hatte und in weiteren Projekten aktiv war, kam natürlich die Frage: Ich bin jetzt zwar noch der Besitzer, aber unternehmerisch verantwortlich sind eigentlich andere. Was gibt mir das Recht noch Eigentümer zu sein? Zur gleichen Zeit fragten mich Mitarbeiter: Stimmt das denn, was du sagst, dass wir für einen Sinn arbeiten, für gute Produkte für Eltern und Kinder, oder arbeiten wir nicht doch für dich als Eigentümer? Du kannst ja als Eigentümer jederzeit Gewinn entnehmen, die Firma verkaufen oder vererben. Ich realisierte plötzlich – da war tatsächlich ein Bruch! Das war ein Grund, weshalb ich mich auf die Suche machte nach einer Eigentumsform, die meine Firma nicht potenziell zu einer Sache machte, zu einem Spekulationsgut, sondern sicherstellt, dass zwei Prinzipien immer eingehalten werden: Erstens das Steuerrad des Unternehmens, die Stimmrechte, liegen immer in Händen von Menschen, die fähig sind und mit der Sache verbunden sind. Zweitens sollen Gewinne dem Zweck des Unternehmens dienen, sie sind Mittel und kein Selbstzweck.  Schon vorher hatte ich von Modellen des Verantwortungseigentum bzw. Treuhandeigentums gehört, z. B. auch vom Info3 Verlag oder der Wala, die ähnliche Prinzipien verfolgten. Ich habe dann auch größere, genauso strukturierte Unternehmen wie Zeiss, Bosch oder Mahle studiert.

Haben bei dieser Suche auch Fragen aus Steiners Sozialphilosophie eine Rolle gespielt, wonach ja ein Unternehmen keine verkäufliche Ware sein kann und soll?

Sicher, das ist ja auch eine Idee aus Steiners „Kernpunkten“. Auch wenn andere vor Steiner, wie Ernst Abbe von Zeiss, diese Idee schon geschildert und vor allem praktisch umgesetzt hatten, war es für mich sehr hilfreich seine Ausführungen dazu zu lesen. Je mehr ich mich damit beschäftigte habe ich dann bemerkt, was für einen enormen Effekt es für die gesamte Volkswirtschaft hat, wenn man an diesem Hebel des Eigentums zu drehen beginnt.

Wieso ist die Eigentumsfrage so entscheidend – und was sind die praktischen Folgen?

Für mich ist das ähnlich wie bei der Idee des Grundeinkommens, die oft missverstanden wird, als würde es da nur um eine Umverteilung von Geld gehen.  Es ist aber eine Umverteilung von Macht. Treuhandeigentum beziehungsweise Verantwortungseigentum macht dasselbe für Unternehmen: es stellt die Machtfrage. Wer sollte die Macht haben? Automatisch der, der das meiste Geld bietet für ein Unternehmen oder blutsverwandt ist mit dem Eigentümer? Oder gibt es andere Kriterien, wie Fähigkeits- und Werteverwandtschaft und Verbundenheit mit dem Unternehmen, die wichtiger sind? Außerdem befreit das neue Eigentum das Unternehmen von der einseitigen Ausrichtung auf monetären Gewinn für ferne anonyme Shareholder.

„Im Wirtschaftsleben herrschen immer noch mehr Macht und Besitz als Demokratie“

Wenn man sich die enormen Ungleichheiten im Wirtschaftsleben ansieht, die unproportionale Verteilung von Eigentum, die gewaltige Masse an Erbschaften, die Tendenz zu immer größeren Monopolen: all das entstammt einem ökonomischen Betriebssystem aus dem vor-vorletzten Jahrhundert. In unserer Gesellschaft haben wir längst andere Grundsätze und wir sind uns einig, dass der Nepotismus und die Plutokratie, also die Familienherrschaft oder die Herrschaft des Geldes, nicht mehr unseren Vorstellungen entsprechen, sondern die Demokratie und Meritokratie, die auf Kompetenz beruht. Nur im Wirtschaftsleben ist diese grundsätzliche Freiheit und Beteiligung überhaupt noch nicht möglich, da zählen weiterhin Macht und Besitz. Und das Prinzip der Vererbung von Unternehmen spielt eine enorme Rolle.

Wie früher im Feudalismus eigentlich.

Der Unternehmer Warren Buffet spricht hier auch ironisch von einer Spermienlotterie. Über das Ziel und den Zweck des Unternehmens bestimmen Eigentümer, die nur über Vererbung oder Geldbesitz zu dem Unternehmen gekommen sind. Sie sind am Geld interessiert, aber nicht zwangsläufig am Unternehmen selbst. Und davon hängen unter Umständen Millionen von Schicksalen ab.

Zum Beispiel wenn ganze Unternehmen wie Immobilien aufgekauft und dann saniert mit Gewinn wiederverkauft werden?

Das ist nicht nur für die Mitarbeiter schlecht, sondern auch volkswirtschaftlich.

Wenn ein Hedgefonds heute ein Unternehmen aufkauft, es zerlegt und die lukrativsten Stücke weiterverkauft, wird dabei meist nicht nur die gewachsene Unternehmenskultur zerstört, sondern eben auch das Unternehmen selbst auf weitere Sicht. Aus Dänemark, wo es mehr als 120 treuhänderisch geführte Unternehmen gibt, wissen wir dagegen, dass diese Unternehmen auch wirtschaftlich sehr erfolgreich sind. Im dänischen Aktienindex sind 40 Prozent der Werte in Händen sich selbst gehörender Unternehmen. Da haben wir inzwischen gute Daten, die die Vorteile dieser Eigentumsform belegen.

Wie kann das sein, wenn doch der sogenannte „Motor des Kapitalismus“, der gewinnorientierte Shareholder, dabei ausgestellt ist?

Vielleicht ist das eben gar nicht der eigentliche Motor; die Mitarbeiter in sich selbst gehörenden Unternehmen werden besser bezahlt, weil man nicht um jeden Preis die Gehaltskosten drückt; die Mitarbeiter sind vermutlich auch zufriedener. Und auch in Bezug auf die Lebensdauer zeigt sich Beachtliches: nach 40 Jahren ist die Überlebenswahrscheinlichkeit eines sich selbst gehörenden Unternehmens sechs Mal höher als die eines konventionellen Unternehmens! Das ist inzwischen von Forschern der Universitäten Kopenhagen und Oxford belegt.

Warum ist der Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ so unpopulär?

Das Recht auf Eigentum ist ja seit der Römerzeit gesetzlich fest verankert und verständlicherweise auch in den modernen Verfassungen festgeschrieben. Dann aber gibt es auch im Grundgesetz den Artikel „Eigentum verpflichtet“. Warum ist das so unpopulär?

Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg gab es für kurze Zeit eine ernstzunehmende Diskussion, ob nicht für die deutsche Wirtschaft beim Wiederaufbau das Stiftungsmodell von Zeiss verbindlich angewendet werden sollte.  Das ist nicht geschehen, wie wir wissen. Wie kommen wir heute weiter? Es werden immer mehr Menschen, die ihre Firma nicht mehr als Ware verstanden wissen wollen, die verkauft werden kann. Die Bereitschaft, hier umzudenken, wächst stark. Aber es werden neuen Ansätzen Unmengen an Steinen in den Weg gelegt, vor allem steuerrechtlich und gesellschaftsrechtlich. Ein Unternehmen muss einen Eigentümer haben, eine Rechtsform für ein Unternehmen, das sich selbst gehören soll, ist praktisch nicht vorgesehen.

Für dieses Problem haben wir im Rahmen der Purpose-Stiftung in Kooperation mit anderen eine Arbeitsgruppe eingerichtet, der Gerald Häfner vom Goetheanum, Götz Rehn von Alnatura und Ernst Schütz vom Waschbär-Versand sowie einige Juristen angehören. Im Herbst wollen wir da ein neues Rechtsmodell vorstellen.

Was hätte das für Vorteile?

Es würde jedem Unternehmer ermöglichen, einfacher und ohne komplizierte Konstruktionen und hohe Anwaltskosten ein sich selbst gehörendes Unternehmen zu gründen bzw. ein bestehendes Unternehmen in ein solches umzuwandeln. Außerdem kann so der Staat sehen, wie erfolgreich sich selbst gehörende Unternehmen sind und vielleicht in Zukunft eine gewisse Regulierungs-Bürokratie, die nötig ist um wilde Shareholder-Value maximierende Konzerne zu zähmen, für sich selbst gehörende Unternehmen zurückfahren.

Heute schon kann man ein sich selbst gehörendes Unternehmen schaffen mit einer Stiftungslösung – gibt es auch schon andere Lösungen?

Für mein Unternehmen und auch für Waschbär haben wir nicht die Stiftung als Lösung gewählt, weil wir die Rolle des Eigentümers beibehalten wollten; Steiner hat es ja in seinem Buch „Kernpunkte“ beschrieben, dass es nicht um die Abschaffung des Eigentums geht, sondern darum, was man mit dem Eigentum machen kann und was nicht.  Du bist Eigentümer einer Firma, aber nur solange du für sie tätig bist; und später übergibst du das Eigentum an deine Nachfolger und du behältst auch keine Gewinn- oder Stimmrechte mehr. Das Problem dabei: derjenige, der gerade Eigentümer ist, kann natürlich die treuhänderische Regelung aushebeln und dann doch zum Beispiel das Unternehmen an einen Hedgefonds verkaufen.  Als Lösungsansatz haben wir deshalb die Purpose-Stiftung gegründet, die inzwischen an einer Reihe von Unternehmen, die treuhänderisch aufgestellt sind, ein Prozent Beteiligung hält und von der Vereinbarung her ein Veto einlegen kann, wenn die Regeln des Verantwortungseigentums im Gesellschaftervertrags verletzt werden. Der jeweilige Eigentümer kann unternehmerisch alles tun, aber er kann das Unternehmen nicht wieder zu einem Spekulationsgut machen. Der Vorteil dieses Ansatzes gegenüber einer normalen Stiftungslösung ist die volle Verantwortlichkeit, die nicht auf einen Stiftungsrat ausgelagert wird, der vielleicht nur einmal im Jahr eingeflogen wird und ansonsten nichts mit dem Unternehmen zu tun hat.

Weleda, dm oder Alnatura – jede Rechtsform ist anders

Bei den Unternehmen mit anthroposophischem Hintergrund gibt es ja einige Beispiele für Stiftungslösungen oder treuhänderischen Formen; dagegen sind andere ganz konventionell strukturiert: Die Weleda z. B. ist eine Aktiengesellschaft …

… und sie gehört der Anthroposophischen Gesellschaft sowie der Ita Wegman-Klinik und ist als Unternehmen potenziell verkäuflich. Meiner Ansicht nach wäre es hier auch dringend geboten, etwas zu ändern, einfach weil es sein könnte, dass die Anthroposophische Gesellschaft eines Tages bankrott geht oder in so große wirtschaftliche Not gerät, dass sie in die Lage kommt, die Weleda verkaufen zu müssen. Das müsste aus Verantwortung gegenüber diesem Unternehmen und zur Risikoabsicherung dringend geändert werden.

Wie sieht es denn bei dm oder Alnatura aus – sind das konventionelle GmbHs?

Bei dm hat Götz Werner seine eigenen Anteile, die 50 Prozent des Unternehmens ausmachen, in eine gemeinnützige Stiftung geschenkt. Er hat mit dem Grundsatz, nichts zu vererben, ernst gemacht. Der zweite Anteilhalter allerdings, Herr Lehmann, der die Ansätze von Götz Werner nicht teilt, hat seine Unternehmenshälfte inzwischen an seinen 14-jährigen Sohn übertragen – da sieht man, wie nah sich zwei vollständig unterschiedliche Rechtsmodelle gegenüberstehen können.  Bei Alnatura hat Götz Rehn ein Doppel-Stiftungsmodell aufgesetzt mit einer gemeinnützigen und einer nicht-gemeinnützigen Stiftung, damit Alnatura sich selbst gehört.

Das Gespräch führte Jens Heisterkamp. 

Veranstaltungstipp: Armin Steuernagel, Alnatura-Gründer Götz Rehn und andere sind Initiatoren einer Tagung zum Thema Eigentum am 30. und 31. Oktober 2018 in Berlin.

 

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Dr. Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie, Promotion zum Dr. phil. an der Universität Bochum.Tätigkeit in der anthroposophischen Heilpädagogik, in der Erwachsenenbildung und als Historiker. Seit 1995 verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Info3, Verleger im Info3 Verlag, Buchautor.