Wettbewerb im Naturkosthandel – Bioladen in Not

Foto: Greenpeace/Bioase

Kürzlich haben sich die Betreiberinnen der Neuköllner Bioase44 an die Öffentlichkeit gewandt, weil sie sich durch die Expansionspolitik der Bio Company in ihrer Existenz bedroht sehen. Wieviel Fairness gehört zu Bio? Info3 hat den inhabergeführten Laden besucht.

Als der interkulturelle Kiez-Bioladen Bioase44 2012 eröffnete, waren die beiden Quereinsteigerinnen mit Migrationshintergrund, Elke Dornbach und Nadia Massi, in der Gegend um die Neuköllner Karl-Marx-Straße „Pionierinnen“. Elke Dornbach, in Rumänien aufgewachsen, ist im Alter von 13 Jahren nach Deutschland gekommen, Nadia Massi hat deutsch-arabische Wurzeln; die Mitarbeiterinnen sprechen außer Deutsch, Englisch und Französisch auch Spanisch, Russisch und etwas Türkisch. Es geht ihnen mit Laden und Café darum, ein Stück Heimat in einem Bezirk mit 160 Kulturen jenseits des Nationenbegriffs zu schaffen. Bio ist für sie eine weltanschaulich-politische Grundhaltung, die alle Menschen mitnimmt auf den Weg in eine wertschätzende und gerechte Zukunft.

Die beiden Betreiberinnen brachten den Mut auf, ohne Eigenkapital, ausgestattet nur mit Privatdarlehen und Mikrokrediten, ihr Geschäft in einem Stadtteil zu eröffnen, „von dem es hieß, da leben doch nur Araber und Türken, und die essen kein Bio“.

Die GLS-Bank hatte sie, offenbar wegen des fehlendenKapitals, nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Womöglich geschah das aber auch aus anderen Gründen, denn die Bank unterstützt heute den berlinweiten Ausbau der Bio Company. Die setzte Ende Juni nun ihren dritten, 800 Quadratmeter großen, in diesem Umfeld eher steril wirkenden Markt hin – auf derselben Straßenseite und in nur 170 Metern Entfernung zur „Bioase44“. Von acht bis 21 Uhr buhlt sie um dieselbe Kundschaft des zwar eingesessenen, aber doch viel kleineren Ladens, der weder wie der große Mitbewerber eine Schweizer Holding im Rücken hat noch es sich leisten könnte, Gesellschafter bei einem der beiden Bio-Großhändler der Stadt zu werden – was die Betreiberinnen auch keinesfalls anstreben.

50 KundInnen weniger am Tag

Seit der Eröffnung des Supermarkts hatte die Bioase44 sofort durchschnittlich 50 KundInnen weniger pro Tag. Allerdings gibt es auch positive Rückmeldungen und Wirkungen: Menschen, die ihnen durch den bewussten Einkauf ihre Verbundenheit ausdrücken sowie neue Mitglieder im Solidaritätsmodell mit monatlichen Mitgliedsbeiträgen und verlässlichen Einkäufen zu reduzierten Preisen. Während die Kundschaft im riesigen, hell ausgeleuchteten Supermarkt eher tröpfelt, geht es für die Betreiberinnen der „Bioase44“ um nichts weniger als die Vielfalt der Berliner Bio-Landschaft – zu der für sie auch Bio-Supermärkte gehören.

Ihre Räumlichkeiten wirken bei etwa 120 Quadratmetern schmal, mit vielen dicht gefüllten Holzregalen zugestellt. Es gibt keine Klimaanlage mit wasserintensiven Kühlungssystemen. Ich fühle mich in ihrem archetypischen Bioladen-Design wie in den 90ern, wobei es geistig jedoch auf dem aktuellsten Stand zugeht. Dornbach, Massi und ihr Team begreifen den Laden als Ort der Begegnung, des Miteinanders und der Resonanz. Sie öffnen nur von 9.00 bis 19.00 Uhr, samstags bis 16 Uhr, weil ihnen gute Arbeitsbedingungen wichtig sind. Sie sind persönlich und „duzen unverschämt“, wie sie gern anmerken. Montags bis freitags gibt es ab zwölf Uhr selbst hergestellte Snacks und Tagessuppen, saisonale Drinks, Limos und Leckereien aus den Partner-Bäckereien, ausdrücklich aber keine „Flugware“ wie Avocados (wenn sie denn, wie es oft der Fall ist, per Flieger kommen). Eine handbeschriebene Tafel grüßt mit dieser Botschaft in Deutsch und Englisch vor der Ladentür. Stattdessen findet sich in den Sommermonaten reichlich Demeter-Gemüse und -Obst im Sortiment.

Gute Erfahrungen mit Kleinerzeugern

Doch auch das biodynamische Gütesiegel ist bedroht, von den Großen in der Branche vereinnahmt zu werden. Viele Kleinerzeuger verfolgen aufmerksam die weitere Entwicklung (info3 berichtete). Gerade mit diesen Kleinerzeugern macht die „Bioase44“ die besten Erfahrungen. Ist es im Lebensmittelgeschäft angesichts von übermächtigen Discountern und Online-Lieferung überhaupt noch möglich, inhabergeführt auf begrenztem Raum überlebensfähig zu bleiben?

Gerechterweise sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Bio Company 1999 als einzelner kleiner Laden vom heutigen Geschäftsführer Georg Kaiser gegründet wurde, sie den nachhaltigen Aspekt der regionalen Wertschöpfung, den Bioanbau in der Region Berlin-Brandenburg zu stärken sucht und seit längerem schon Lebensmittelretter mit Produkten unterstützt, die andernfalls in der Tonne gelandet wären.

Natürlich ist es für die Bioase 44 ein wichtiges Thema, Überbestellungen zu vermeiden; Kreislaufwirtschaft zu betreiben, indem aussortiertes Gemüse im Mittagstisch verarbeitet und Obst von einer Projektfrau zu Marmelade verkocht wird. Das soziale Neuköllner Gemeinschaftsgartenprojekt Die Prachttomate holt einmal pro Woche Obst und Gemüse ab – ein relativ aufwändiges System, auf das die Betreiberinnen aber nicht verzichten möchten.

Ob all diese Aktivitäten es schaffen, gegen den Verdrängungswettkampf anzukommen, steht noch in den Sternen. Aber, so fragen Elke Dornbach und Nadia Massi: Müssen wir um jeden Preis Profit generieren? Ist es in Ordnung, dafür kalkulierte Verschwendung von Lebensmitteln und Energie in Kauf zu nehmen? Dass es auch anders geht, dafür stehen die „Bioase44“ sowie der Aufbruch nachhaltiger Unternehmen zum Verantwortungseigentum, von dem in dieser Zeitschrift auch schon öfters die Rede war. ///

Die Bioase44 liegt in der Karl-Marx-Straße 162 in Berlin Neukölln. Den von den Betreiberinnen verfassten Offenen Brief kann man hier lesen.

Über den Autor / die Autorin

Ronald Richter

Ronald Richter

Ronald Richter ist ständiger Mitarbeiter von Info3, freier Autor und betreibt von Berlin aus Kult.Radio auf www.kultradio.eu