Halle: Wenn Verschwörungstheorien töten

Die Synagoge in Halle. Foto: Wikipedia

Nach dem Angriff auf Juden in Halle sind Distanzierungen vom Antisemitismus wohlfeil. Was Not tut ist aber die Distanzierung von verschwörungsmystischem Denken, das von „Bevölkerungsaustausch“ und „Widerstand“ phantasiert und zu Hass führt.

Am jüdischen Feiertag Jom Kippur versuchte Stephan B. in Halle mit selbstgebauten Sprengsätze und Gewehren die Synagoge zu stürmen und möglichst viele Juden zu ermorden. Weil die Tür der Synagoge seinem Angriff standhielt, tötete  er aus Frust wahllos eine Frau auf der Straße und einen jungen Mann in einer Imbissbude. Seinen Angriff streamte er mit Hilfe einer Helmkamera live im Internet.

„Kill as many anti-whites as possible, Jews preferred”, heißt es lapidar in einem auf Englisch verfassten „Manifest“ des Mörders von Halle, das er vor seiner Tat veröffentlichte. Bei seiner ersten Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft in Karlsruhe hat der Attentäter seine antisemitische und fremdenfeindliche Gesinnung bekannt. Die Terror-Expertin Rita Katz schrieb auf Twitter, die Tat von Halle stehe in einer Linie mit den Morden an Muslimen in Christchurch, Neuseeland, und verwandten Anschlägen in den USA. Es gäbe ein internationales Netzwerk von weiß-rassistischen Täter, das jenen des IS ähnle: zwar agierten die Täter einzeln, aber verbunden in einem weltweiten virtuellen Zusammenhang.

Aber warum wollte der rassistische Attentäter von Halle Juden umbringen, wenn er gegen Muslime und Afrikaner ist? Weil die Juden seiner wahnhaften Überzeugung nach hinter dem stehen, was in rechtsextremen Kreisen als der große „Bevölkerungsaustausch“ bezeichnet wird. Der Internet-Experte und Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo fasst es so zusammen: „Der ‚weiße Mann’ in Europa solle durch Schwarze und Muslime ersetzt werden, weil diese leichter beherrschbar seien. Feminismus bringe Frauen dazu, sich nicht mehr als Gebärmaschinen für weiße Kinder zu begreifen. Gesteuert werde das alles von den Juden.“ 

Dahinter steht das klassisch antisemitische Narrativ, wonach Juden an der Schwächung ihrer „Wirtsvölker“ interessiert sind – es ist jenes Narrativ, das schon Hitler zu seiner Austilgungspolitik trieb (siehe z.B. Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus). Auch heute hätten die Zionisten die heimliche Herrschaft, auch über die deutsche Regierung, ist Stephan B. überzeugt.

Hintergrund „Umvolkung“

Die angeblich gezielte „Umvolkung“ der westeuropäischen Gesellschaften gehört zu den zentralen Glaubenssätzen der Neuen Rechten. Revolte gegen den großen Austausch und Umvolkung. Wie die Deutschen still und heimlich ausgetauscht werden heißen die dazu passenden Bestseller aus dem rechtsextremen Antaios Verlag von Götz Kubitschek. Im Narrativ vom „Bevölkerungsaustausch“ war die Flüchtlingskrise von 2015 ein geplantes Geschehen, Dieser angeblich geplante Angriff auf die Zerstörung der deutschen Gesellschaft ist der zentrale Bezugspunkt hinter der Fremdenfeindlichkeit von Pegida und AfD. Er bildet einen der unheilvollsten Verschwörungsmythen, im Internet tausendfach verbreitet – und er kursiert keineswegs nur in der Neonazi-Szene.

„Vor allem mithilfe von rassistischen Verschwörungstheorien wie dem ‚großen Austausch‘ wird die Selbstviktimisierung betrieben, die Konstruktion einer Welt, in der man sich als Opfer fühlt. Dieses Opfer-Gefühl erlaubt, noch die blutrünstigsten Taten als diejenige Form von Gewalt zu betrachten, die von den meisten Menschen als legitim betrachtet wird: Notwehr“, so Sascha Lobo.

Genau hier wird die Verschwörungsideologie, die man als Sache von Spinnern abtun könnte, brandgefährlich. Und die Zurückweisung solcher Ideologien ist bitter nötig . Denn sie verbinden sich mit der von der AfD und anderen Radikalen benutzten Widerstands-Rhetorik, die „unser Land zurückholen will“: Höcke, Kalbitz, Weidel und Co. lassen grüßen, so sehr sie sich auch nach außen als „Freunde Israels“ präsentieren möchten.

Getarnter Antisemitismus

Das „Feindbild Jude“ konzentriert sich heute vielfach im Hass auf den Finanzmagnaten und Stifter George Soros, der ungarischer Jude ist. Soros unterstützt mit seinen Stiftungen wie der Open Society Foundations weltweit Entwicklungen, die im Sinne einer Offenen Gesellschaft auf Vielfalt, Demokratie und Menschenrechte abzielen. Die liberale israelische Zeitung Haaretz hat vor Kurzem aufgedeckt, wie der große Gegenspieler von Soros, der ungarische Ministerpräsident Orban, den US-Politikberater Arthur Finkelstein mit der Planung einer  Anti-Soros Kampagne beauftragte, die gezielt auf antijüdische Klischees setzte.

Und der Hass wirkte: „2018 erhielt Soros eine Briefbombe. Kurze Zeit später tötete ein Mann in den USA elf Menschen in einer Synagoge. Er fabulierte online von einer ‚Soros-Karawane’“, berichtet die Wiener Zeitung. Der Bezug auf Soros erlaubt es, Rassismus ohne offen antisemitische Terminologie zu verbreiten. Auch von Gegnern unserer eigenen Zeitschrift info3 ist wiederholt der Kampfbegriff „Soros“ in Anschlag gebracht worden. So hat uns die neurechte Autorin Caroline Sommerfeld in einem Blogbeitrag für den Antaios Verlag vorgeworfen, Rudolf Steiner und die Anthroposophie „an George Soros verraten“ zu haben.

Jüngst schmückte sogar Lorenzo Ravagli, Redaktionsmitglied der Waldorf-Zeitschrift Erziehungskunst, seine Kritik an einem ihm unliebsamen Zeitschriftenprojekt mit dem ironischen Hinweis: „Fehlt nur noch, dass die Open Society Foundations die Anthroposophische Gesellschaft entdeckt“ – also eben jene Stiftung, die von George Soros finanziert wird. Dazu passt, dass Ravagli auf seinem privaten Blog immer wieder auch mit der identitären Autorin Caroline Sommerfeld sympathisiert.

Glücklicherweise bilden solche bizarren Konstellationen in Waldorfkreisen die Ausnahme und die Waldorfschulen haben sich seit langem klar gegen Rassismus und Antisemitismus positioniert.

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.