Frauen leiden anders – und Männer erst recht

Geschlechtsspezifische Aspekte spielen in der Gesundheit eine große Rolle. Es beginnt beim Schnupfen und geht bis zu unterschiedlichen durchschnittlichen Lebenserwartungen. Anmerkungen unseres Gesundheitsautors.

Ich werde ihn wohl nie vergessen, obwohl der junge Mann, normalgewichtig und Anfang 30, seiner Erscheinung nach eher unauffällig war. Er erschien im gepflegten Freizeitlook, in einem dezent gestreiften Poloshirt, Blouson und einer Bundfaltenhose; Sachen von der Art, wie sie Ehefrauen für ihre Männer aussuchen. Sein rundliches Gesicht wirkte weich, fast kindlich. Er war blass und seine Mimik bebte, so als wollte er jeden Augenblick zu weinen anfangen. Und tatsächlich war er verzweifelt. Denn er litt seit Anfang März an einem Infekt, inzwischen war es Juni. Es begann mit Gliederschmerzen, Mandelentzündung und einer Schwellung der Lymphknoten am Hals. Er hatte die letzten Monate vermehrt Stress gehabt, auf der Arbeit standen mehrere Projekte kurz vor dem Abschluss und die Firma unmittelbar vor einem entscheidenden Umbruch. Obwohl er es sich eigentlich nicht „leisten“ konnte, war er am Anfang eine Woche zu Hause geblieben, denn das Fieber stieg plötzlich so stark an, dass er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Nach etwas mehr als einer Woche war eigentlich alles wieder fast gut, wäre da nicht diese bleierne Müdigkeit gewesen, die von seinem Körper und seiner Seele Besitz ergriffen hatte und die ihn niederdrückte wie ein Sack Zement. Tagsüber war er wie von einer dunklen, schweren Wolke umgeben und nachts wachte er nassgeschwitzt auf. Der Hals war noch leicht entzündet, was er beim Schlucken spürte. Er hatte nur wenig Appetit, zwang sich jedoch zum Essen und schleppte sich pflichtbewusst wieder ins Büro. So sahen ihm die Kollegen nicht an, wie schlecht es ihm ging. Zu Hause hingegen, nach Feierabend und am Wochenende ließ er sich fallen, verbrachte viel Zeit auf der Couch und war zu keinen größeren Aktivitäten mehr in der Lage. Seine Frau war genervt – und er selbst noch viel mehr, obwohl er sich das nicht anmerken ließ. Auch seinen Sport, den er sonst regelmäßig trieb, gab er ganz auf, nachdem er das Joggen bereits nach einem Bruchteil der üblichen Strecke vor lauter Erschöpfung abbrechen musste.

Frauendiagnose „Männerschnupfen“

Ob er denn auch in dieser Krankheitsphase nicht noch einmal beim Arzt gewesen war, fragte ich ihn. Natürlich, sagte er, mehrmals sei er dort gewesen, aber das habe rein gar nichts gebracht. Denn seine Hausärztin hätte den Verdacht seiner Ehefrau bestätigt und bei ihm einen Männerschupfen diagnostiziert und neuerdings auch eine Depression vermutet, sodass er nun bereits einige Sitzungen bei einer Psychotherapeutin absolviert hatte. Außer einer leichten Rötung im Rachen sei ja nichts festzustellen gewesen, vielleicht bilde er sich die Erschöpfung nur ein? – Was um in aller Welt soll das denn sein, fragte ich entsetzt, „Männerschnupfen“? Ich war fassungslos, denn als Radiomuffel und Fernsehabstinenzler hatte ich noch nie von so etwas gehört! Und auch die für mich als Kassenarzt verbindlich vorgeschriebene Internationale Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation WHO führt keinen „Männerschnupfen“ auf. Geduldig ließ ich mich von der mitanwesenden Ehefrau darüber aufklären, dass banale Erkältungen bei Männern durchschnittlich etwas länger dauern, das sei doch eine weitbekannte Tatsache, die aktuell von der Werbung für Nasenspray und Grippemittel aufgegriffen würde. Und in der Tat stieß ich im Internet später auf die entsprechenden Spots, die sich um verweichlichte Muttersöhnchen drehen, welche einen banalen Schnupfen zum Anlass nahmen, sich von ihren Partnerinnen in einer Weise bemuttern zu lassen, als gehe es um Leben und Tod. Und auch mit den Hypothesen, wonach die Testosteron-Geschlechtshormone und deren Einfluss auf das Immunsystem dabei eine Rolle spielen sollen, machte ich mich vertraut. Letztlich geht es bei diesen Phänomenen jedoch allenfalls um ein paar Erkrankungstage mehr oder weniger, aber nicht um eine Monate andauernde, schwere Erschöpfung, wie sie hier vorlag und völlig verkannt wurde. Und so war die Fehldiagnose „Männerschnupfen“ nichts anderes als das Ergebnis einer sexistischen Sichtweise, welche zu einer Abwertung der tatsächlich vorliegenden Beschwerden führte – bis hin zur Zuweisung an die Psychotherapie. Fazit: So hilfreich die Kenntnis von geschlechtsspezifischen Verläufen im Sinne einer „Gendermedizin“ (siehe Kasten) sein kann, so wichtig ist es, sich nicht von sexistischen Stereotypen den Blick auf den einzelnen Menschen und dessen individuelle Situation verstellen zu lassen.

Mercurius brachte der Ausgleich

Die gründliche Untersuchung erbrachte, dass in Wirklichkeit keine Erkältung und auch kein Schnupfen, sondern eine Mononukleose vorlag, eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), die häufig bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Überforderungssituationen auftritt und in einzelnen Fällen zu monatelange Erschöpfungszuständen führen kann, welche dann mitunter zu allerlei Fehldiagnosen vom „Männerschnupfen“ bis hin zum Burnout Anlass geben. Die akuten Beschwerden mit Halsentzündung und hohem Fieber (auch Pfeiffersches Drüsenfieber genannt) werden häufig zu Beginn mit einer eitrigen Mandelentzündung verwechselt, und wenn es im weiteren Verlauf zu andauernder Müdigkeit und Erschöpfung kommt, so wird meist nicht gleich der Zusammenhang hergestellt, weshalb den Betroffenen von ihrer Umgebung oft wenig Verständnis entgegengebracht wird. Schwellungen und Mitbeteiligung von inneren Organen wie Leber, Milz und Herz, die oft mit Leistungseinschränkungen über viele Monate einhergehen, werden nicht selten übersehen.

In unserem Fall war das Naturheilmittel, welches eine durchgreifende Besserung bewirkte, eine Zubereitung aus Quecksilber, Mercurius vivus naturalis. Ich sehe in der Mononukleose bei jungen Erwachsenen oft eine Art verspätet auftretende Kinderkrankheit, die bei biographischen „Spätzündern“ einen nachträglichen Abschluss der Pubertät und den längst überfälligen Eintritt ins Erwachsenenalter markiert. Menschen, die auf diese Art und Weise „Nachsitzen“ müssen, gehen oft charakterlich konsolidiert und mit neuer Willensstärke aus einer solchen Erkrankung hervor, erwerben Eigenschaften wie Selbstvertrauen und Abgrenzungsfähigkeit, an denen es ihnen zuvor noch mangelte. Mercurius, das bewegliche Quecksilber hingegen und der ihm zugeordnete leichtfüßige Gott Merkur mit den Flügelschuhen verkörpern im Gegensatz zu solchen Nachzüglern Prozesse, die der normalen Entwicklung vorauseilen. Mercurius kann daher bei Entwicklungsverzögerungen quasi als Contrarium den nötigen Ausgleich bewirken. Außerdem hilft es ausgezeichnet bei vielen Fällen von Mandelentzündungen und anderen Infektionen im Hals-, Nasen und Rachenbereich. 

Dr. med. Frank Meyer ist integrativer Hausarzt und Gesundheitsautor. Er lebt und arbeitet in Nürnberg. Sein Buch Das Geheimnis der Metalle. Vom Mythos zur praktischen Anwendung in der Anthroposophischen Medizin ist im Info3 Verlag erschienen (2. Aufl. 2016).

Über den Autor / die Autorin

Frank Meyer

Frank Meyer

Dr. med. Frank Meyer ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, Akupunktur. Niedergelassen als Anthroposophischer Hausarzt in Nürnberg. Arbeitsschwerpunkte in Naturheilverfahren, Anthroposophisch erweiterter Medizin, Neuraltherapie, Akupunktur und Tibetischer Medizin. Seminar- und Vortragstätigkeiten sowie Publikationen in Fach- und Publikumsmedien zu den Schwerpunkten Psychosoziale Gesundheit, Selbstregulation und Chronomedizin.