Wenn der Wald dich findet

In Kontakt mit dem Wald: Sigrid Schwarz. Foto: Jens Heisterkamp/Info3 Verlag

Mensch und Wald gehören seit Urzeiten zusammen, das Verhältnis wurde aber in der Moderne zunehmend gestört. Das neue Phänomen des „Waldbadens“ zeigt, wie groß das Bedürfnis nach einer bewussten Wiederverbindung ist. Wir waren mit der Therapeutin Sigrid Schwarz auf Tour.

Sigrid Schwarz ist Kind eines Jägers und Försters und deshalb seit Kindertagen mit dem Wald vertraut. Sie hat unter anderem Landschaftsarchitektur studiert, in verschiedenen anderen Berufen gearbeitet, unter anderem auf dem Wiesbadener Schloss Freudenberg. Sie steht in engem Kontakt mit dem Landschaftskünstler Marko Pogacnic und hat eine Ausbildung zur ganzheitlichen Waldtherapeutin absolviert.

Wir haben uns auf dem Neroberg bei Wiesbaden verabredet. Das ist schon mal eine gute Nachricht: fürs Waldbaden müssen wir in keine abgelegenen Urwälder fahren, es genügt auch ein Stadtwald, denn es kommt nicht auf die perfekte Umgebung, sondern auf die richtige Haltung an. Wobei es natürlich schön ist, wenn es sich um einen artenreichen Mischwald und nicht um Monokulturen handelt.

„Schon japanische Mönche haben im achten Jahrhundert den Wald für meditative und therapeutische Zwecke genutzt“, erklärt Sigrid Schwarz die Ursprünge des „Waldbadens“, das tatsächlich aus Japan stammt. Waldbaden ist ein Trend, bei dem es ähnlich wie in Fragen der Ernährung und der Beziehungsgestaltung darum geht, sich bewusst neu auf Dinge einzulassen, die eigentlich selbstverständlich sind oder sein könnten: Die Wiedergewinnung des Einfachen.

Was ich gleich merke: „Waldbaden“ hat natürlich nichts mit Wasser zu tun, man wird auch nicht etwa mit Laub übergossen, das Bild vom Baden zielt vielmehr auf die Geste des Eintauchens: hinein in die besondere Atmosphäre des Waldes. Womit wir wieder bei den Mönchen wären, denn geradezu meditativ geht es jetzt los: die ersten Schritte vom Parkplatz bis zum Waldrand sollen so gelaufen werden, „als würden die Füße die Erde küssen“, sagt Sigrid. Das ist ein Bild mit Wirkung, denn nach dieser Anweisung mag ich tatsächlich nicht mehr einfach draufloslaufen, sondern setze meine Schritte, wenn auch nicht küssend, so zumindest doch ganz vorsichtig voreinander.

Alle Sinne aktivieren

Auch die weiteren Anleitungen haben Übungscharakter, wenn es nun darum geht, den eigenen Wahrnehmungsraum zu ergänzen: bewusst nicht nur das Sehen, sondern auch das Hören und Riechen im Kontakt mit dem Wald einzusetzen. Der ganze Sinnesmensch soll sich öffnen. Als nächstes gilt es die Erfahrungsperspektive zu erweitern: weg von der gewohnheitsmäßig nur nach vorn gerichteten Aufmerksamkeit erst nach links, dann nach rechts spüren, zu den beiden Seiten, dann nach hinten und schließlich den Raum oberhalb von mir miteinbeziehen. So wird aus dem zentrierten und linear ausgerichteten Bewusstsein, mit dem wir uns sonst in der Welt bewegen, eine mehr sphärische Perspektive – und ein stark erweitertes Selbstgefühl, das sich mit dem Umfeld zu mischen beginnt.

Mit einem Modewort ließe sich dieser Ansatz in seinem Charakter als „achtsam“ beschreiben, etwas philosophischer vielleicht mit „bewusst“. Es ist jedenfalls mehr als das altbekannte Wandern, aber auch kein esoterisches Bäume-Umarmen. Eine halbe Stunde darf ich nun ohne Aufgabe, ohne Hintergedanken im Unterholz des Waldes wandeln. Wozu ich hier eingeladen werde, ist, mich absichtslos und gegenwärtig auf die Umgebung einzulassen, mich treiben zu lassen in bewusster Ziellosigkeit und spielerischer Aufmerksamkeit. Ich fühle mich ein wenig wie zurückversetzt in Kinderzeiten, als ich mich halb träumend von einem Eindruck zum anderen leiten ließ: Hier ein Blättchen, dort ein Stück Baumrinde, da vorn ein Farn, ein abgestorbener Stamm mit den Resten eines Spinnennetzes, ein neugieriges Rotkehlchen das auf einem Ast gelandet ist, der Wind in den Blättern, der leichte Regen oben in den Baumkronen, das duftende Laub auf dem Boden – alles gleich anziehend und gleich wundersam. Der Moment, wenn der Wald dich findet.

Therapeutische Wirkungen

„Es geht darum, über die Natur zur eigenen Natur kommen“, erläutert Sigrid Schwarz diese Erfahrung. „Der Wald heilt, inspiriert und erdet“, sagt sie. Die Neigung, uns mit der Natur zu verbinden, liegt tatsächlich tief in unserer eigenen Natur. Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson sprach von „Biophilia“, unserer angeborenen Liebe zum Lebendigen. Dass von der Ur-Lebendigkeit des Waldes wirklich heilende Wirkungen ausgehen, liegt vor dem Hintergrund der Psychosomatik auf der Hand. Manche Forscher glauben darüber hinaus, dass die Bäume auch stofflich eine Wirkung auf uns ausüben. Insbesondere sind es die im Harz vorkommenden Terpene, die wohltuend auf uns wirken sollen. „Wir nehmen diese Stoffe über die Atmung und die Haut auf. Schon zwei Tage stärken für vier Wochen unser Immun-System“, ist Sigrid überzeugt. Die gesundheitsfördernde Wirkung des Waldes ist jedenfalls vielfach belegt. Waldbaden ist deshalb nicht nur einfach erholsam und kreativ förderlich, sondern echt therapeutisch. Deshalb arbeitet Sigrid Schwarz auch mit erkrankten Menschen, vor allem bei chronischen, psychosomatischen und stressbedingten Krankheiten und als Präventionsmaßnahme.

Ein Text aus der Ausgabe Juli-/August 2019 der Zeitschrift info3. Hier das Einzelheft bestellen für € 6,80 mit noch mehr Anregungen für das Draußensein in Wald und Feld!

Zur Website von Sigrid Schwarz geht’s hier.

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.