Weltrettung auf Chinesisch: Wandering Earth

Foto: China Filmgroup Corporation

Auf Netflix läuft gerade das chinesische Endzeit-Drama „Wandering Earth“. Der imposante Film muss sich vor entsprechenden US-Produktionen nicht verstecken und steht für das neue Selbstbewusstsein Chinas.

Wieder einmal ist die Erde bedroht. Diesmal nicht etwa durch ökologische Katastrophen (The Day after Tomorrow) und nicht durch Aliens (Independence Day), sondern weil die Sonne verrückt spielt und die Erde zu verbrennen droht. Anders als in Filmklassikern, wo unter solch katastrophalen Vorzeichen eine kleine Elite die Erde verlassen und auf einem anderen Planeten die Geschichte fortsetzen soll, setzt die chinesische Variante der Rettung noch eine Vision drauf: die gesamte Erde wird mit gigantischen Triebwerken ausgestattet, die Erdrotation abgestellt und unser Heimatplanet selbst zum Raumschiff umfunktioniert. Die Erde soll unser Sonnensystem verlassen, um an einem neuen Ort im Universum eine neue Heimat zu finden. „Wandering Earth“ – die wandernde Erde – eine technogigantische Film-Idee, auf die Roland Emmerich neidisch sein wird.

Der Film erzählt, wie dieses auf hundert Generationen angelegte Projekt unter den Vorzeichen einer vereinten Menschheit und natürlich unter chinesischer Führung realisiert wird. Die Erde verlässt ihre alte Umlaufbahn und während die Menschheit der Sonne den Rücken kehrt, erkaltet die Oberfläche zu einer globalen Polarlandschaft. Millionen Menschen verlieren ihr Leben und die verbliebene Menschheit muss während der langen Reise fünf Kilometer unter der Erde in künstlichen Städten leben.

Auf der Reise aus dem Sonnensystem heraus droht allerdings bei der Vorbeifahrt an Jupiter eine erneute Katastrophe: durch die Anziehungskraft des Riesenplaneten fallen die gigantischen Erdtriebwerke aus, eine Kollision steht bevor. Eine letzte Rettungsaktion scheitert, bis einem der Helden eine unglaubliche Idee kommt, die hier natürlich nicht verraten wird. Nur so viel: Die Chinesen retten die Erde (mit Unterstützung von Einsatztrupps aus allen Nationen) durch die wohl gigantischste Explosion der Filmgeschichte, bei der sicher auch die lange Tradition des Feuerwerks in China hineingespielt hat.

Technisch und atmosphärisch muss der Film einen Vergleich zu Hollywood-Blockbustern nicht scheuen: es gibt Action und imposante Montagen am laufenden Band, sich aufopfernde Helden, tragische Experten und trottelige Außenseiter (hier: ein Amerikaner). Und wenn für Amerika der Independence Day den emotionalen Kristallisationspunkt abgab, ist es hier der chinesische Neujahrstag mit seinem Familiensinn, der die Helden zur letzten Anstrengung motiviert.

Die Grundidee des Films ist Terra-Forming in einer spektakulären Dimension. Sie zeigt, in welche Richtung die Phantasien derzeit gehen, unsere Probleme auf Erden durch (noch mehr) Technik zu lösen – und das ist, auch wenn es sich „nur“ um einen Science Fiction Film handelt, eigentlich beängstigend. „Wandering Earth“ lässt sich aber auch als ein Signal sehen, wohin für China die Reise weltpolitisch gehen soll – hoffentlich nicht ganz im wörtlichen Sinne des Films.

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.