Kein Platz für AfD-Eltern an Waldorfschule

AfD-Politiker und Waldorfschule - eine schwere Entscheidung.

Aufregung um eine Berliner Waldorfschule: Das Kind eines Abgeordneten der AfD im Berliner Senat wurde nicht aufgenommen. Warum die Entscheidung der Schule nachvollziehbar ist.

Viel wissen wir nicht über den Fall, da die Schule mit gutem Grund die Privatsphäre der Betroffenen schützt. Viele Kommentatoren indes scheinen sich einig: Die Waldorfschule nimmt sich hier ein Recht heraus, unter dem das Kind zu leiden hat. Aber ist das so einfach?Dass die Berliner Waldorfschule so entschieden hat, bedeutet zunächst einmal nicht pauschal, dass an Waldorfschulen grundsätzlich keine Kinder von AfD-PolitikerInnen sein dürfen. Waldorfschulen sind selbstverwaltet und entscheiden unabhängig. Und vielleicht gibt es ja andernorts Kollegien, die sagen: „Wir kriegen das hin, wenn ein Vater, der als Berufspolitiker über Migranten herzieht, auf dem Elternabend neben der Schülermutter sitzt, die aus Afrika geflohen ist. Dass er in den Schulkreis für Öffentlichkeitsarbeit kommt, werden wir schon verhindern.“ Vielleicht sagt eine engagierte Lehrerin auch: „Ich will dieses Kind unbedingt in meiner Klasse – und wenn mich die Schulgemeinschaft unterstützt, geben wir ihm ganz andere Werte mit als das reaktionäre Zeugs aus dem Elternhaus.“ Wie gesagt, so könnte es gehen. Aber in diesem Fall ging es – nach sicher reiflicher Überlegung – offenbar eben nicht.

Mancher Kommentar springt nun reflexartig darauf an, die Kinder dürften nicht für die Haltung ihrer Eltern „büßen“. Tun sie aber auch nicht. Schulverträge werden mit den Eltern geschlossen. Sie werden Mitglied eines Trägervereins mit allen Pflichten und Rechten. Und haben deshalb an Waldorfschulen eine weit aktivere Rolle als (in der Regel) die Eltern an staatlichen Schulen. Die richtige Vergleichsebene wäre demnach nicht, dass Kinder von AfD-PolitikerInnen schließlich an Staatsschulen nicht abgelehnt werden könnten, sondern ob man sie an staatlichen Schulen denn in verantwortlichen Schulgremien würde haben wollen – und was das für den sozialen Frieden in einer ethnisch bunt gemischten Elternschaft bedeuten würde. So mancher moralisch korrekt wirkende Kommentar gibt sich jetzt als Anwalt des diskriminierten Kindes aus, ohne zu berücksichtigen, dass man völkisch denkenden Eltern damit eine Eintrittskarte gibt, ihr Gedankengut in die Schulgemeinschaft zu tragen – von möglichen Konflikten in der Klasse bei entsprechend indoktrinierten Kindern (und Heranwachsenden) ganz zu schweigen. Das alles wird in der Berliner Waldorfschule bedacht worden sein.

Die Entscheidung der Schule ist aber auch aus einem anderen Grund nachvollziehbar: Stellen wir uns doch mal den anderen Fall vor und die Fälle häuften sich, dass AfD-PolitikerInnen, Identitäre und Neonazis ihre Kinder an Waldorfschulen anmeldeten. Die gleichen Kommentatoren, die jetzt so vehement die vermeintliche Diskriminierung kritisieren, würden der Waldorfschule flugs eine Affinität zu rechtem Gedankengut attestieren. Die Frage muss doch erlaubt sein: Warum kommen AfD-Eltern ausgerechnet an eine Waldorfschule, die für Toleranz, Individualismus und multikulturelle Offenheit steht? Ich denke den entsprechenden Eltern kann und muss klargemacht werden, dass sie da etwas grundsätzlich nicht verstanden haben – und dass AfD-Gesinnung mit Waldorfschule nicht zusammenpasst.

Gesellschaftspolitisch gesehen halte ich persönlich die Entscheidung der Schule sogar für vorbildlich. Viele Kirchenvertreter haben sich in den vergangenen Monaten klar zur Unvereinbarkeit ihrer Werte mit rechtem Gedankengut positioniert. Und der Präsident des Fußballvereins Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, erregte Aufsehen (und Beifall!), als er auf der letzten Mitgliederversammlung unmissverständlich sagte: AfD-Mitglieder sind bei uns unerwünscht. Hier wird praktiziert, was der Politologe Carlo Strenger in einem seiner Bücher „zivilisierte Verachtung“ nennt: Die Ächtung von reaktionärem Denken durch klare zivilgesellschaftliche Grenzziehung. Anders als die Medien, die eine gewisse Ausgewogenheit in der Berichterstattung einhalten müssen (sie können die AfD nicht komplett ignorieren) und anders als der politische Apparat, der sich mit einer zwar unliebsamen, aber gewählten Partei arrangieren muss (in gewissen Grenzen), sind Vereine und Institutionen keineswegs an politische Neutralität gebunden, sondern können – und sollten – die Werte, für die sie stehen, auch aktiv verteidigen. Wenn das für einen Fußballclub gilt – wie dann erst für eine Waldorfschule!

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Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Dr. Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie, Promotion zum Dr. phil. an der Universität Bochum.Tätigkeit in der anthroposophischen Heilpädagogik, in der Erwachsenenbildung und als Historiker. Seit 1995 verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Info3, Verleger im Info3 Verlag, Buchautor.