Info3: Wie alles anfing

2018: Rückblick

Rückblickend auf die Zeit seit 1983, als die Redaktion von info3 sich wirtschaftlich selbständig machte, möchte ich einen Versuch wagen, die „Mission“ unserer Arbeit zu beschreiben. Das war währenddessen nicht immer möglich. Wie bereits erwähnt, bin ich davon überzeugt, dass eine Zeitschrift keine Revolution auslösen, diese aber, wenn sie dem Zeitgeist entspricht, maßgeblich unterstützen kann. Wir haben dazu beigetragen, die anthroposophische Bewegung von ihrem theosophischen, nur auf sich selbst bezogenen Habitus zu befreien. Wir haben Themen besprechbar gemacht, die vorher nicht besprechbar waren. Wir haben sektiererische Züge offengelegt und den Glauben an die Unfehlbarkeit des Gründers erschüttert.

Unsere Veröffentlichungen und Veranstaltungen haben dazu beigetragen, dass Anthroposophie in der Öffentlichkeit ernstgenommen werden kann – weil sie selbstkritisch geworden ist und Interesse für andere aufbringt. Wir haben gezeigt, dass man Kritik aussprechen und zugleich solidarisch sein kann. Wir haben Stilformen gesucht (und gefunden), die es erlauben, allgemein spirituelle und anthroposophische Erkenntnisse und Erkenntniswege darzustellen ohne zu missionieren. Wir haben mitgewirkt, eine Diskursfähigkeit zu entwickeln, die Voraussetzung dafür ist, dass Anthroposophie nicht als Ideologie daherkommt.

Kurz: die Anthroposophie ist noch immer nicht Kulturfaktor, sie findet jetzt aber die Voraussetzungen vor, Kulturfaktor zu werden – in einer zeitgemäßen Form. Wir fühlen uns dabei mit vielen anderen verbunden und wissen uns mit vielen vernetzt, die ebenfalls an diesem Ziel gearbeitet haben.

2018: Vorblick

Im Februar dieses Jahres wurde bei einer Beratung über die zukünftige Ausrichtung unserer Zeitschrift die Auffassung vertreten, das Wort Anthroposophie im Untertitel würde abschrecken und sei für die Ansprache neuer Leserinnen und Leser kontraproduktiv. Nun, dass sich nicht jeder für das Thema interessiert, ist ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, dass zum Beispiel auch eine Zeitschrift für Briefmarkensammler nur eine begrenzte Zielgruppe hat. Alle anderen lassen sie am Kiosk links liegen. Aber wirkt sie deshalb „abschreckend“?

Abschreckend kann doch nur das Zerrbild der Anthroposophie sein: die Sekte, die Ideologie, die Spinner, die Besserwisser, die Unbelehrbaren, die Ewiggestrigen, etc. Diese Attribute treffen aber, wie aus dem Vorhergehenden ersichtlich geworden sein mag, auf die heutige Anthroposophie und die anthroposophische Lebenspraxis nicht generell zu. Folglich kann es sich nur um Vorurteile handeln, die nicht oder nicht mehr von der Realität gedeckt sind. Das heißt aber auch, das Bild der Anthroposophie in (Teilen) der Öffentlichkeit entspricht nicht dem Bild, das die Anthroposophen von sich haben. Lässt sich das ändern?

Zwar genießen die praktischen Anwendungsgebiete wie (Waldorf-)Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft etc. zunehmend Anerkennung, die methodischen und spirituellen Grundlagen bleiben jedoch zumeist im Hintergrund und werden nur selten würdigend beurteilt. (Das hat übrigens auch eine positive Seite, denn die Qualität z.B. des Waldorf-Unterrichtes, der landwirtschaftlichen Produkte oder der anthroposophischen Therapien sollten für sich sprechen und nicht durch die Weltanschauung ihrer Betreiber legitimiert werden müssen). Die Waldorfschule ist heute selbstverständliches Element der Reformpädagogik, die an den pädagogischen Seminaren der Universitäten und Hochschulen behandelt wird; die anthroposophische Erkenntnislehre findet hingegen an den philosophischen Fakultäten kaum Erwähnung.

Mein Eindruck ist, dass sich das langsam ändert; dass mit der Diskursfähigkeit der Anthroposophie auch deren Akzeptanz in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft zunimmt. Nachdem wir uns mit unserer Zeitschrift zwangsläufig über vierzig Jahre weitgehend innerhalb des beschränkten Rahmens der eigenen Szene bewegt haben, kann man für die nächsten Jahrzehnte einen Umschwung erwarten: Anthroposophie wird zugänglicher werden und verständlichere Ausdrucksformen finden. (Wie sie zugleich auch vertieft werden kann, ist nicht Gegenstand dieses Artikels). Das heißt nicht, dass sie auf ungeteilte Zustimmung stoßen wird, wohl aber, dass sie als selbstverständliche Stimme im Kanon des Menschen- und Weltverständnisses Gehör finden wird. Dazu (mit einer steigenden Auflage) beizutragen, dürfte unser Ziel für die nächsten vierzig Jahre sein.

„Persönliches Fürwort“

An dieser Stelle möchte ich ein „persönliches Fürwort“ einwerfen. Ich muss gestehen, dass mir die großen Veränderungen in der Aufgabenstellung unserer Zeitschrift im Laufe der Jahre nicht immer leichtgefallen sind: das Zurücktreten der Dreigliederung als vorrangiges Thema, das Aufgeben des Zeitungsformates, der weitgehende Verzicht auf das „Rebellische“ zu Gunsten von Themen wie innere Entwicklung etc. Als vor vielen Jahren bei der Bemühung, den Dialog mit anderen spirituellen Richtungen zu führen, die eigene Farbe, die der Anthroposophie, auf der Strecke zu bleiben drohte (zumindest schien mir das so), führte das zu einem heftigen internen Konflikt. Auch nachdem dieser behutsam überwunden wurde, gab es Momente, wo mir info3 als ein Blatt für „Wohlfühl-Anthroposophie“ vorkam, mit der ich nichts am Hut hatte.

Erst während der Vorbereitung des besagten Treffens vom Februar dieses Jahres ist mir vollends klar geworden, dass die alte Mission von info3 weitgehend erfüllt ist und unsere Zeitschrift daher entweder eingestellt oder neuen Aufgabenstellungen gewidmet werden müsste. Mit Blick auf die Entwicklungsrichtung der Anthroposophie, die noch voll auf dem Weg von der Kulturinsel zum Kulturfaktor ist, wurde mir dann auch deutlich, dass dies zu begleiten die neue Aufgabe von info3 sein sollte. Weil ich selbst zu sehr in der Szene verhaftet bin, können das aber nur andere machen.

Und sie haben es gemacht, zumindest den Anfang: Die erste Ausgabe neuen Stils ist im September 2018 erschienen. Sie zeugt von reifer Überlegung und einem starken Veränderungswillen. Ich kann nur sagen: Hut ab! Die Redaktion um Jens Heisterkamp und das neue Team im Verlag scheinen mir prädestiniert dafür, die eingeschlagene Entwicklungsrichtung erfolgreich weiterzuführen. Dazu möchte ich meine neuen und alten Kollegen und Kolleginnen beglückwünschen. Ich habe das volle Vertrauen, dass sie auf dem richtigen Weg sind.

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Über den Autor / die Autorin

Ramon Brüll

Ramon Brüll

Ramon Brüll (geb. 1951) gehörte zum Gründerteam der 1976 in Amsterdam ins Leben gerufenen Zeitschrift info3, damals als mehrsprachige Zeitschrift für soziale Dreigliederung. Er studierte Landschaftsgeographie und ist heute Geschäftsführer des Info3 Verlages.