Info3: Wie alles anfing

1919: Klein, klein

Im November 1918 setzt bekanntlich auch die deutsche Revolution ein. In Württemberg und andernorts wird der Ruf nach einer Rätedemokratie laut. Steiner setzt sich zum Entsetzen seiner weitgehend bürgerlichen Anhängerschaft mit zahlreichen Reden, Ansprachen und Memoranden für einen Umbau der gesellschaftlichen Verhältnisse ein. In diesem Zusammenhang findet 1919 auch die erfolgreiche Gründung der ersten Waldorfschule in Stuttgart statt. Der Versuch dagegen, befreundete Betriebe zu Assoziationen zusammenzufassen scheitert kläglich (vgl. hierzu die aufschlussreiche Biographie des Waldorf-Ermöglichers Emil Molt). Auch eine Aktion in Oberschlesien, statt einer Volks-Entscheidung der Zugehörigkeit zu Deutschland oder Polen ein gegliedertes Miteinander zu etablieren bleibt erfolglos. Steiner wird als Verräter der deutschen Interessen bezeichnet. Das alles läuft ausgehend von seinem Gegenentwurf zum Nationalstaat unter dem Begriff der sozialen Dreigliederung; die Aktivitäten werden damals von einem deutschlandweit tätigen „Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus“ koordiniert.

Damit hat, nahezu unbemerkt, eine gravierende Schwerpunktverlagerung stattgefunden. Ging es anfänglich noch um das Zusammenleben der Völker in Europa, so wurde jetzt auf die gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb Deutschlands sowie, in noch kleinerem Maßstab, auf eine neue Sozialstruktur einzelner Einrichtungen und Organisationen, Unternehmen und Unternehmensverbände sowie auf die Unabhängigkeit von Bildungseinrichtungen abgezielt. In Anbetracht der historischen Situation ist das durchaus verständlich. Nachdem die Friedensverhandlungen von Versailles 1919 begonnen hatten, wäre jedes Eintreten gegen die Festschreibung des Nationalstaatsprinzips sinn- und wirkungslos geblieben.

Da Steiner bezüglich des Zusammenlebens der Völker eine grundsätzliche soziale Gesetzmäßigkeit erkannte, ist es nicht weiter verwunderlich, dass er diese auch im mikrosozialen Maßstab zu berücksichtigen suchte. Darin liegt aber ein Problem. Das, was Steiner ab spätestens 1919 als „Dreigliederung“ bezeichnete und was heute noch als solche verstanden wird, ist die Ableitung des Konzeptes, das in einem größeren Zusammenhang formuliert wurde, aber in der konkreten historischen Situation am konkreten Ort angewandt wurde – ein nachvollziehbarer Vorgang, der aber zu Komplikationen führt:

Die Herausforderung, befriedigende Lösungen für den Umgang mit nationalen Minderheiten zu finden, besteht bekanntlich bis heute unvermindert fort. Die Verhältnisse haben sich vielerorts eher zugespitzt als dass sie befriedet wurden, wie das beängstigende Aufkommen neuer Nationalismen zeigt. Das von Steiner formulierte makrosoziale Konzept wäre in nahezu unveränderter Form auch heute eine vollgültige Alternative zu den Nationalstaaten, auch wenn zurzeit kaum jemand diese Staatsform ernsthaft in Frage stellt. Wohl aber darf angemerkt werden, dass vieles von dem, was Steiner mit den Grundbegriffen der Dreigliederung für das Zusammenleben der Völker formuliert hat, in wesentlichen Teilen durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte kodifiziert und die Problematik der Rechtsungleichheit nationaler Minderheiten im Rahmen des EU-Regelwerks zumindest innerhalb der EU deutlich entschärft worden ist.

Ganz anders stellt sich die Situation in kleinerem Maßstab dar, als „gesamtgesellschaftliche“ Frage in Deutschland, der Schweiz oder in anderen Ländern, sowie als Strukturvorschlag für noch kleinere soziale Zusammenhänge. Die vorgefundene Ausgangslage ist hier nämlich zeit- und ortsabhängig jeweils vollkommen unterschiedlich. Das heißt aber auch: Was Steiner im Revolutionsjahr 1919 für die „soziale Frage“ in Württemberg als Dreigliederung vertreten hatte, muss nicht zwangsläufig auch die Antwort auf die Beseitigung von Arbeitslosigkeit und Armut oder die Lösung der Migrationsfrage im Jahre 2018 sein.

Soweit ich die Bemühungen für die Dreigliederung seit dem Anschluss an die 1968er Bewegung verfolgt habe, ist aber gerade das passiert. Wir haben seitdem Dreigliederung vielerorts in ihrer Erscheinungsform von 1919 zu vertreten versucht. Mit etwas zeitlichem Abstand aus heutiger Sicht halte ich das für ein fatales Missverständnis! Wir haben das, was Steiner eher noch tastend und keineswegs eindeutig, mit noch unklaren Begriffen, dafür aber mit großem Engagement für seine Zeit formuliert hatte, als die Lösung unserer gesellschaftlichen Fragestellungen schlechthin vertreten. Das musste schief gehen.

Unselige Diskussionen, ob etwa das Bedingungslose Grundeinkommen der Forderung Steiners nach Trennung von Arbeit und Einkommen entspricht, waren ebenso die Folge wie das Erstarren des sozialen Impulses zu einer Ideologie. Denn, um nur das eine Beispiel zu vervollständigen: für die Frage, ob das Grundeinkommen eine sinnvolle Lösung für die heutige Zeit sein kann, spielt es keine Rolle, ob das Konzept mit Steiners Überlegungen von 1919 übereinstimmt. Ich nehme meine eigenen mündlichen und schriftlichen Bemühungen, Dreigliederung öffentlich zu vertreten, von dem fatalen Missverständnis nicht aus. Das soll im Folgenden erläutert werden.

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Über den Autor / die Autorin

Ramon Brüll

Ramon Brüll

Ramon Brüll (geb. 1951) gehörte zum Gründerteam der 1976 in Amsterdam ins Leben gerufenen Zeitschrift info3, damals als mehrsprachige Zeitschrift für soziale Dreigliederung. Er studierte Landschaftsgeographie und ist heute Geschäftsführer des Info3 Verlages.