Info3: Wie alles anfing

Foto: © sewcream, Fotolia.com, Info3 Verlag 2018
Foto: © sewcream, Fotolia.com, Info3 Verlag 2018

Entwurf eines selbstkritischen Rück- und hoffnungsvollen Vorblicks auf die Geschichte von Info3 von Gründer Ramon Brüll.

Teil I

Der anthroposophische Sozialimpuls stand am Anfang unserer Arbeit mit der Zeitschrift Info3. Er gilt bis heute als Inspirationsquelle. Nur: Seine Erscheinungsform war schon 1976 längst überholt.

 

1918 – der große Wurf

Die Zeitschrift Info3 wurde 1976 gegründet als Informationsorgan für die auf Steiner zurückgehende Dreigliederungsbewegung. „Dreigliederung“? – Da muss ich etwas ausholen: 1918, das Ende des Ersten Weltkrieges. Die Staaten hatten ihre Soldaten in sinnlose Schlachten geschickt. Am Ende gab es nur Verlierer. Nicht nur Europa lag in Trümmern, es gab Millionen von Toten. Es stellte sich neben der Frage des „Warum“ auch die Frage nach dem „Wie weiter?“ – Wie sind derartige Kriege zukünftig zu vermeiden? Man sprach von der „sozialen Frage“, der Frage nach der Neueinrichtung der Welt.

Der amerikanische Präsident Wilson brachte das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ ins Spiel. Ob er es so gemeint hat, sei dahingestellt; verstanden wurde es als die Aufforderung, neue Nationalstaaten zu bilden, die sich gegenseitig in Ruhe zu lassen hätten. Sie sollten im Völkerbund organisiert sein und den Frieden garantieren: eine schöne Illusion! Denn wer genauer hinguckt, kann unschwer feststellen, dass nicht die Völker in den Krieg gezogen waren, sondern die Staaten, die sich von ihren Machtinteressen leiten ließen und dafür ihre Völker opferten. Anstelle der bisherigen Groß- und Vielvölkerstaaten Nationalstaaten zu etablieren, erscheint hier als eher realitätsferne Alternative: Der neue Nationalstaat als Mittel gegen alte nationale Staatsinteressen!

Das Modell Wilson musste noch aus einem weiteren Grund Illusion bleiben: In weiten Teilen Europas lebten oft seit Jahrhunderte mehrere Völker gemischt mit- und nebeneinander: Polen und Deutsche in Oberschlesien; Litauer, Polen, Russen, Weißrussen, Juden in Litauen; Rumänen, Magyaren, Deutsche, Juden, Roma und Sinti in Siebenbürgen; Italiener und Österreicher in Südtirol; ein buntes Gemisch von Völkern in dem späteren Jugoslawien etc. Navid Kermani nennt als bestes Beispiel den „Kaukasus mit seinen vielen Kriegen zwischen den Völkern, von denen wir bestenfalls die Namen kennen: die Osseten, die Abchasen, die Dagestaner, Tschetschenen, und wie sie alle heißen. Über 50 Völker mit je eigener Sprache, Kultur, Religion, Sitten und Gebräuche leben auf einem Gebiet das geschätzt kleiner ist als Deutschland. Und sie leben nicht etwa getrennt voneinander, die einen in einem Tal, die anderen im nächsten, sondern direkt neben- und miteinander“ (Interview in der Frankfurter Rundschau vom 20. Februar 2018). Das gewachsene Nebeneinander ist die Regel, eine kulturell homogene Bevölkerungsstruktur in großen Teilen Europas die eher seltene Ausnahme.

Das heißt aber: Sobald man irgendein Staatsgebiet zu umgrenzen versucht, leben gleich mehrere Nationen, Ethnien, Völker oder Religionsgemeinschaften innerhalb von dessen Grenzen – was nicht weiter schlimm wäre, wenn das Staatsgebilde sich nicht als Nationalstaat definieren würde, in dem nur die Angehörigen der Mehrheitsnation volle Bürgerrechte haben. Tut er das aber, was nach 1918 zunehmend der Fall war, dann sind die Unterdrückung und folglich Separationsbestrebungen der Nationalen Minderheiten ebenso vorprogrammiert wie der Expansionswunsch in Richtung der Nachbarstaaten, wo Minderheiten der eigenen Nation leben. Der Ukraine-Konflikt ist ein trauriges Beispiel für diese Problematik.

(Der damalige ungarische Präsident soll kurz nach der Wende mal verkündet haben, er sei der Präsident von 14 Millionen Ungarn, während Ungarn nur zehn Millionen Einwohner hatte. Kein Wunder, dass in den Nachbarstaaten Nervosität aufkommt. Im Übrigen definiert auch die Bundesrepublik Deutschland seine Staatsbürger als Menschen deutscher Abstammung und nicht etwa als diejenigen, die in Deutschland geboren sind oder dort ihren Lebensmittelpunkt haben. Daran ändert auch die Möglichkeit nichts, die deutsche Staatsbürgerschaft gegen Auflagen zu erwerben).

Somit musste das sogenannte Selbstbestimmungsrecht der Völker zwangsläufig zu neuen nationalistischen Bestrebungen führen und sollte ebenso konfliktträchtig sein wie die früheren und späteren Vielvölkerstaaten, in denen sich in aller Regel Angehörige einer einzelnen Nation zu Führern über die anderen erheben. Man denke nur an die Rolle Russlands in der Sowjetunion, Serbiens in Jugoslawien oder Englands im Vereinigten Königreich.

Bereits ein oberflächlicher Blick auf das Mit- und Nebeneinander so vielfältiger und unterschiedlicher Kulturen lässt erahnen, dass diese, wollen sie zur Entfaltung kommen, unmöglich von einer zentralen Stelle aus verwaltet werden können. Vielmehr braucht jede Kultur ihre Organisationsformen. Schon hier zeigt sich, dass es gar nicht die staatlichen Instanzen sein können, die die Hoheit über die Kultur und deren Bildungseinrichtungen auszuüben haben. Ich komme darauf gleich noch zurück.

Mit dem Nationalstaat kann man noch einen Schritt weitergehen und den Begriff der Nation selbst unter die Lupe nehmen. Eindeutig definiert ist er nicht. Nation hat etwas mit Kollektivität zu tun, mit kollektivem Stolz auch. Was verbindet die Menschen einer Nation und was grenzt sie gegen andere Nationen ab? Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, ob der „Kit“ die gemeinsame Kultur und Sprache, gemeinsame Werte oder doch eher die Abstammung ist. Legt man großen Wert auf die Zugehörigkeit zu einer Nation, scheint das Individuelle weniger im Vordergrund zu stehen. Damit stellt sich die Frage, ob die Betonung nationaler Zugehörigkeit nicht eher eine emanzipationsfeindliche, rückwärtsgewandte Geste beinhaltet. Friedrich Schiller formulierte einst, recht optimistisch:

Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens:
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.

Das Konstrukt des Nationalstaates hat sich dermaßen in unserer Vorstellungswelt verankert, dass wir, auch heute noch, kaum mehr anders denken können als: Deutschland den Deutschen, Spanien den Spaniern, Katalonien den… – pardon! Zum nächsten Schritt ist es nicht mehr weit: Wo Magyaren leben, ist Ungarn, wo Russisch gesprochen wird, ist Russland, wo Deutsch gesprochen, Deutschland …

Zu den Wenigen, die das Unheil neuer nationalistischer Bestrebungen bereits 1918 aufkommen sahen, gehörte Rudolf Steiner. Der sonst eher bedächtige Philosoph und Esoteriker äußerte sich furios negativ über das Programm der Vierzehn Punkte Wilsons, in dem das Selbstbestimmungsrecht der Völker festgeschrieben werden sollte. Als intimer Kenner, der (nicht nur gute) Erfahrungen in der – wie wir heute sagen würden: multikulturellen – Gesellschaft Österreich-Ungarns hatte, tastete er sich zum Gegenentwurf zu einem Europa der Nationalstaaten vor. Dieses Gesellschaftsmodell sah vor:

1) Regionale Staatsgebilde, in denen alle Einwohner – unabhängig von ihren religiösen, sprachlichen, ethnischen und anderen Hintergründen – gleiche Bürgerrechte haben würden. Steiner sprach von Rechtsstaat und Rechtsleben; man hätte es auch Einwohnerstaat nennen können. Eine einheitliche Staatssprache braucht es dafür nicht.

2) Vielfältige, Staatsgrenzen überschreitende Kulturorganisationen, die so wie etwa katholische, evangelische und andere Kirchengemeinden nebeneinander am selben Ort tätig sein können. Hier sollten die verschiedenen sprachlichen, religiösen etc. Gruppierungen ihre eigenen Bildungs- und Kultureinrichtungen aufbauen können. Steiner sprach, wohl auch um die Begriffe Volk und Nation an dieser Stelle zu vermeiden, vom Geistesleben. In der Folge sollte das Bildungswesen frei sein, d.h. nicht als staatliche Veranstaltung organisiert und nicht staatlichen Vorgaben verpflichtet sein.

3) Bleibt die Wirtschaft. Schon im Ersten Weltkrieg zeichnete sich die „unheilige Allianz“ von Staat und Wirtschaft ab. Man denke an die Waffenindustrie sowie an die Gier nach Erdöl und nach anderen Rohstoffen als Ursache zahlreicher Kriege. Steiner erkennt die Wirtschaft als dritten gesellschaftlichen Faktor an, der, sich selbst überlassen, grundsätzlich dazu neigt, grenzüberschreitend zu agieren. Er sieht im „Wirtschaftsleben“ als positives Element die Geste weltweit zusammenarbeitender Menschen (und spricht deshalb von „Brüderlichkeit“), – und tut sich schwer, Bedingungen zu formulieren, unter denen Wirtschaft im Dienste der Menschen – statt umgekehrt – funktionieren kann. Er formuliert Forderungen wie die, dass „Arbeit nicht Ware sein darf“, Grund und Boden sollten nicht käuflich sein, die Macht des Kapitals gelte es wirksam zu begrenzen. Ein Grundmotiv ist dabei die Bemühung, gegensätzliche Interessen (Arbeitgeber versus Arbeitnehmer, Konsumenten versus Produzenten etc.) auf Augenhöhe auszugleichen. Er spricht in diesem Zusammenhang von „Assoziationen“.

Die drei Begriffe des Rechts-, Geistes- und Wirtschaftslebens mögen terminologisch nicht besonders trefflich gewählt worden sein; dennoch stellen sie die Grundlagen eines Gesellschaftsverständnisses dar, das dem friedlichen Zusammenleben der Völker, zumindest in Europa, gerecht zu werden versucht: wie beschrieben, als Gegenentwurf zu einem Europa der Nationalstaaten, also auf größter gesellschaftlicher Ebene. Diese Art des Gesellschaftsverständnisses wurde in der Folge als „soziale Dreigliederung“ oder „Dreigliederung des sozialen Organismus“ bekannt.

Über den Autor / die Autorin

Ramon Brüll

Ramon Brüll

Ramon Brüll (geb. 1951) gehörte zum Gründerteam der 1976 in Amsterdam ins Leben gerufenen Zeitschrift Info3, damals als mehrsprachige Zeitschrift für soziale Dreigliederung. Er studierte Landschaftsgeographie und ist heute Teilzeitgeschäftsführer des Info3 Verlages.