Hintergründe zur Organtransplantation

Peter Krause: Leben in der Todesnähe. © Info3 Verlag
Peter Krause: Leben in der Todesnähe. © Info3 Verlag

Hirntod und Hirnleben – eine anthroposophische Sicht?

In seinem soeben erschienenen Buch versucht Peter Krause, aus der Menschenkunde Rudolf Steiners das Hirntod-Kriterium zu begründen, das für die Transplantationsmedizin eine entscheidende Rolle spielt. Wir sprachen mit dem Autor über seine Forschungsergebnisse, die gerade vor dem Hintergrund der aktuell vorgebrachten „Widerspruchslösung“ zur Organentnahme von Brisanz sind.

Sie präsentieren in Ihrem Buch eine Äußerung Rudolf Steiners aus dem Jahr 1912, wo er über den Tod des Menschen sagt: „Ein Leben des Menschen, ohne dass er sich in der physischen Welt des Gehirnes als Werkzeug bedienen könnte, kann doch wirklich nicht als eine Fortdauer des Lebens bezeichnet werden.“ Steiner formuliert hier offenbar ein Verständnis des Todes, das später als das Konzept des Hirntods bekannt wurde im Zusammenhang mit der Organtransplantation – denn einem biologisch toten Menschen können keine lebensfähigen Organe mehr entnommen werden, einem Hirntoten, der durch lebenserhaltende Maßnahmen am Leben erhalten wird, aber sehr wohl. Manche Kritiker dieses Konzepts argumentieren deshalb, das Hirntod-Konzept sei speziell entwickelt worden, um Organtransplantation überhaupt möglich zu machen. Wie sehen Sie das?

Das ist historisch falsch, denn der Begriff des Hirntods ist bereits rund 200 Jahre alt. Der Mediziner Xavier Bichat (1771 – 1802) unterschied erstmals den Herzkreislauftod, den Ausfall des Gehirns und den biologischen Tod. Das Sterben wird von ihm als ein Prozess gesehen und in diesem Prozess ereignet sich der Ausfall des Gehirns als Individual-Tod des Menschen. Das menschliche Leben endet, obwohl das leibliche Leben fortdauert. Huxley, auf den sich Rudolf Steiner in seinem Vortrag bezieht, hielt in seinem Buch über Physiologie weiter am Herztod-Kriterium fest, und dem trat Rudolf Steiner entgegen. Er charakterisierte es als groben Materialismus, wenn man den Hirntod nicht als Tod des Menschen verstehen würde.

Wie ist der Hirntod dann zu einem festen Begriff geworden?

Das geschah in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, lange vor der Transplantationsmedizin, im Zusammenhang mit der Intensivmedizin, wo es durch technische Fortschritte möglich wurde, so massiv in den Sterbeprozess einzugreifen, dass der Tod ein Stück weit aufgehalten werden konnte. Dass dieser Begriff allein zur Legitimation der Organtransplantation entstanden ist, stimmt nachweislich nicht. In meinem Buch gehe ich darauf ausführlich ein.

Man kann aber kritisieren, dass sich durch das Hirntod-Kriterium das Verständnis dessen, was der Mensch ist, allein auf seine Eigenschaft als rationales Wesen und das Funktionieren eines seiner Organe – wenn auch eines sehr zentralen – beschränkt. Endet das Menschsein wirklich mit dem Ende des Gehirns? Verkürzt Steiner an dieser Stelle vielleicht etwas?

Aus meiner Sicht deckt sich die Aussage, dass der Hirntod der Tod des Menschen ist, vollkommen mit der anthroposophischen Menschenkunde. Wie ich in meinem Buch zeige, bettet sich die sehr präzise Aussage im Vortrag zu Huxley in einen Kontext verschiedener Erläuterungen ein, die Rudolf Steiner gegeben hat zum Ende, aber auch zum Anfang des Lebens. Und tatsächlich müssen wir nicht nur das Ende – den Tod des Menschen – zur Klarheit bringen, sondern auch den Anfang. Wir sollten, so meine ich, nicht nur vom Hirntod, sondern auch vom Hirnleben sprechen. Wir sehen in der Entwicklung der Humanmedizin, dass dasjenige, was in der Anthroposophie als Inkarnation und Exkarnation des menschlichen Ich bezeichnet wird, auch in der Medizin relevant wird. Wir stehen vor dem Phänomen, dass ein menschliches Leben beginnt und auch endet in das sich die Inkarnation und die Exkarnation ereignet. Wir haben eine Phase am Beginn menschlichen Lebens einer leiblichen Entwicklung, in der – anthroposophisch gesprochen – das menschliche Ich noch nicht inkarniert ist. Den Moment der Inkarnation in das leibliche Geschehen setzt Rudolf Steiner an für den der Abschnürung des Neuralrohres und  die dann beginnende Gehirnentwicklung, etwa mit der dritten Schwangerschaftswoche. Und am Lebensende ereignet sich die Exkarnation des Ichs im Moment des irreversiblen Hirnausfalls, wobei dann das leibliche Leben noch nachklingt. 1924 sagt Rudolf Steiner in einem Vortrag, ich zitiere, „mit dem Tod beginnt die Auflösung der Form, die der Mensch als seine Erdenform betrachtet“. Das ist das eigentlich Rätselhafte, dass wir am Anfang des Lebens ein Leben haben, in das sich das Ich noch nicht inkarniert hat und am Ende ein Leben haben, aus dem sich das Ich schon gelöst hat. Und hier kommt zusammen, dass wir medizinisch ein Kriterium haben von Hirnleben und Hirntod, und dazu eine entsprechende Definition aus der Anthroposophie – und beides ergänzt sich.

Und die Organtransplantation selbst?

Ich halte sie für eine berechtigte Option, sowohl was die Spende als auch was den Empfang eines Organs angeht. Aber die wirklich freie Entscheidung auf beiden Seiten ist das entscheidende.

Wie beurteilen Sie die jetzt vom Gesundheitsminister ins Spiel gebrachte Widerspruchslösung?

Die lehne ich ganz klar ab. Es wäre ja auch ein Unding, wenn man das Vermögen eines Menschen einfach an die Armen verteilt, wenn es kein Testament gibt. Ich bin aber der Meinung, dass man beispielsweise in den Schulen oder beim Ablegen der Führerscheinprüfung dazu anregen sollte, sich in dieser Frage zu entscheiden. ///

Peter Krause:
Leben in der Todesnähe
Rudolf Steiners Darstellungen zu Sterbeprozess und Tod des Menschen im Zusammenhang mit den Erkenntnissen der Humanmedizin. Frankfurt 2019, 200 Seiten, € 18,90

Das ausführliche Interview mit Peter Krause lesen Sie in der Zeitschrift info3, Ausgabe Mai 2019.  

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