Die Kunst, wirklich zu hören

Stille hören lernen. Foto: Alte Oper Frankfurt

Marina Abramović, die Stille und die Musik

Die weltweit bekannte Performance-Künstlerin Marina Abramović verwandelte den Konzertsaal der Alten Oper in Frankfurt für mehrere Tage im März in einen großen Wahrnehmungsraum. Anders hören hieß das Experiment, das aus einer eigens für das Hören entwickelten Methode bestand. Eine solche Großveranstaltung, bei der vor dem eigentlichen Konzert zwei extra Vorbereitungstermine auf dem Programm stehen, hat es wohl noch nie gegeben. Die serbische Künstlerin betont durch ihr Konzept, dass gewisse Vorbereitungen nötig sind, wenn man Kunst wirklich erleben will. So gab es an zwei Tagen Methodenworkshops à drei Stunden für die Teilnehmenden, am Sonntag folgte dann das fünfstündige Konzert für alle rund 2.000 BesucherInnen.

Früher hat sich Abramović selbst immer wieder in extreme Situationen begeben und die Bedeutung von Kunst als Grenzerfahrung geprägt. Sie hat sich gepeitscht, mit einer Glasscherbe ein Pentagramm in den Bauch geritzt, ist 2.500 Kilometer über die Chinesische Mauer gelaufen und hat 75 Tage im New Yorker Museum of Modern Art auf einem Stuhl gesessen, BesucherInnen waren eingeladen, sich ihr gegenüberzusetzen und ihr in die Augen zu schauen. In der ganzen Welt gilt sie als Kultfigur des Aushaltens von Situationen, die bis ins Lebensbedrohliche gehen. Sie ist noch immer neugierig auf die mentalen und physischen Grenzen des Körpers. Doch für Anders hören hat sie weniger gefährliche Umstände geschaffen und nicht sich selbst, sondern dem Publikum einen außergewöhnlichen Erfahrungsraum ermöglicht.

Mit allen Sinnen dabei sein

Zuallererst geben wir unsere Handys und Uhren an der Garderobe ab und schütteln dann bei angeleiteten Körper- und Atemübungen den Alltag von uns ab. Vor Betreten der Halle ziehen wir Kopfhörer auf und versinken in die Stille und plötzliche Entschleunigung. Alle Einflüsse auf das Hörorgan sind abgeschaltet. Anders hören setzt also diese Reduktion voraus.

Sehr liebevolle sogenannte Facilitators führen uns an den Händen durch den Saal zu freien Plätzen und überlassen uns dann in den folgenden drei Stunden der Langsamkeit und Stille. Meine erste Erfahrung ist, dass ich mich auf mich selbst zurückgeworfen fühle. Ich höre meinen eigenen Puls, spüre meinen Atem und jede einzelne der langsamen Bewegungen, die durch meinen Körper fließen. Die Übungen beziehen den ganzen Körper als Wahrnehmungsorgan mit ein, beim Betrachten einfarbiger Flächen, beim Liegen und Ruhen, Stehen und Beobachten, blind Laufen oder beim Sortieren und Zählen von Reiskörnern und Linsen. Bei allen Übungen geht es um die pure Aufmerksamkeit. Ich versuche irgendwann nicht mehr, jede einzelne davon zu schaffen und vertraue dem Flow. In dieser extremen Stille frage ich mich, was wir eigentlich tun, wenn wir hören, wo die Geräusche hingehen und von wo aus ich überhaupt höre. Ein Teilnehmer sagt über eine Übung, bei der es um Blickkontakt geht: „Als ich die Person lange anschaute, hatte ich plötzlich den Eindruck, dass es aus ihrer Herzregion heraus zu leuchten anfing.“ Ein anderer berichtet über das Stehen auf einem Podest: „Ich konnte, je nachdem wo ich stand, immer ein anderes Organ stärker wahrnehmen.“ Eine Teilnehmerin beschreibt den Prozess der Entschleunigung: „Am Anfang wollte ich noch schneller gehen, doch dann kam ich in einen meditativen Zustand.“ Genau darum geht es, präsent zu sein und einzutauchen. Das soll dabei helfen, sich später beim Konzert von Regeln und Normen der Musik-Wahrnehmung frei zu machen, erklärt Mitarbeiterin Lynsey Peisinger.

Am Sonntag führt Marina Abramović in die Musikerfahrung ein. Es ist das einzige Mal, dass sie selbst bei dieser Performance auftritt. Das Konzert selbst leitet die Geigerin Caroline Widmann ein. Viele Instrumente aus der ganzen Welt folgen nahtlos, von allen Ecken des Saales. Orgel, Akkordeon, chinesische Laute, Sitar und andere wechseln sich ab. Die ZuhörerInnen sitzen, stehen und liegen überall, Pausen darf man sich jederzeit nehmen. Die Musik beschallt aber das gesamte Gebäude, es ist unmöglich, ihr zu entkommen. Eine interessante Erfahrung, die ganz im Gegensatz zur Stille steht.

Ganz im Hier und Jetzt

Am Ende frage ich mich, ob ich mich nun nach der intensiven Vorbereitung anders auf Musik einlassen kann als sonst. Ob ich dem Hunger, der körperlicher Erschöpfung und wiederkehrenden Alltagsgedanken zum Trotz präsent bleiben kann, ob ich die Energie der Musik und der MusikerInnen wirklich wahrnehme und mit all meinen Sinnen erlebe. Ein Teilnehmer beschreibt: „Am Ende des Konzertes hatte ich das Gefühl, innerlich und mit der Aufmerksamkeit dort zu sein, wo ich auch während der Übungen an den vorigen Tagen war. Ganz im Hier und Jetzt.“ Zumindest habe ich selbst auch nach den intensiven drei Tagen noch häufig das Gefühl, eine Kapsel der Stille um mich herum aus eigener Kraft kreieren zu können. Und sicherlich werde ich mich bei meinem nächsten Konzertbesuch daran erinnern, alle Sinne mitzunehmen und präsent zu sein.

Interview mit Marina Abramović zu diesem Projekt: https://www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=VtpT97t_B14

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Über den Autor / die Autorin

Andrea Kreisel

Andrea Kreisel

Andrea Kreisel ist Studierende im Bereich Philosophie, Kulturreflexion und kulturelle Praxis an der Universität Witten/Herdecke und ab 2019 redaktionelle Mitarbeiterin bei Info3.